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Kolumnist ohne Karneval

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13.02.2021

Keine Züge, keine Kneipenbesuche, keine Bützchen. Karneval fällt aus. Eine Kolumne von Heinrich Schmitz

Foto: Heinrich Schmitz

Es ist das erste Mal, seit ich denken kann – mancher wird nun behaupten, also noch nie – dass ich in der Zeit von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch ganz normal in meiner Kanzlei sitze und arbeite. Es ist das erste Mal, dass mein Kostüm im Schrank bleibt. Und es ist ein seltsames Gefühl.

Der Kalender sagt, es ist Karneval und die Nachrichten sagen, es ist Corona. Weiberfastnacht und kein Jeck auf der Straße. Alle Kneipen geschlossen. Am Stammquartier der IG Südstadt hängen am verlassenen Biergarten ein paar Luftballons. Die paar Menschen, die man sieht, tragen zwar Masken, aber es sind halt keine Hexen-, Monster- oder Clownsmasken, es sind FFP2 oder OP-Masken. Ja, die haben wir früher im Rosenmontagszug auch schon mal gesehen, wenn Pflegerinnen und Pfleger gutgelaunt mit einem ausrangierten Krankenhausbett als Fußgruppe mitgingen und Schnaps aus Infusionsflaschen dabei hatten. Jetzt trägt jeder sie und wir werden sie wohl noch lange tragen müssen , bis dieser böse Spuk vorbei ist.

Meine erste – und letzte – Prinzengardeuniform bekam ich mit fünf Jahren. Die wurde maßgeschneidert und war eine exakte Kopie der Uniform für die erwachsenen Gardisten. Mein Großvetter war in der Prinzengarde und deshalb war der Schneider bereit, mir so ein edles Teil zu schneidern. Ich erinnere mich noch gut an das Atelier, besonders an die gegenüberliegenden Spiegel, in denen ich mich fast ins unendliche vervielfältigte. Dann gab es noch den Dreispitz mit den weißen Löckchen, der im Hutgeschäft meiner Großmutter, Tante und Mutter ebenfalls auf den Leib gefertigt wurde. Es gab Makeup, Rouge und einen Schönheitsfleck auf die Wange und dann hüpfte ich am Weibertag im Kindergarten mit den Hexen, Jägern, Indianern, Feen und Prinzessinnen im Kreis herum, bis ich rote Wangen hatte, also noch rotere als vom Rouge. Es gab Kakao, Berliner und Muuzemändelche. Irgendwann kam der Prinz mit Gefolge vorbei und beschenkte uns mit Kamellen. Am Abend war ich platt und glücklich.

Samstags ging der Südstadtzug in meiner Heimatstadt Euskirchen, bei dem jedes Jahr ein Prinzenbaum gepflanzt wurde. Der wurde Jahr für Jahr von der Baumschule meines Großvaters und meines Vaters gestiftet. Der LKW wurde mit buntem Krepppapier geschmückt, der Baum bekam bunte Bändel in die Krone und wurde dann in einem Umzug von tausenden Jecken zur St. Matthias-Kirche und in späteren Jahren zum Schillerpark begleitet, wo........

© Die Kolumnisten


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