Antisemitismus: Die Masken fallen

Ich sehe die Michaels, Uwes und Svens auf Facebook bereits empört nach Luft schnappen: Jetzt kommt die wieder mit ihrer Antisemitismuskeule! So was Schlechtes! Eine journalistische Vollkatastrophe! Schämen sollten sich die Kolumnisten!

Nein. Schämen sollten sich andere. Nämlich die, die das Anprangern des Antisemitismus mehr stört als der Antisemitismus selbst. Und um die geht es in der heutigen Kolumne.

Man wird ja wohl noch

Die sogenannte Israelkritik ist, neben E-Bike-Fahren und LIDL-Fleisch auf dem 800-Euro-Webergrill schmoren, zu einem beliebten Hobby des Durchschnittsdeutschen geworden. Die bietet sich ja auch aus mannigfaltigen Gründen an: für Russlandkritik hat man heimlich zu viel Herz für das rustikale Mannsbild Putin, für Chinakritik bestellt man zu oft bei Temu, und den iranischen Mullahs drückt man sogar heimlich die Daumen, weil Trump und – ach, schon wieder – Israel sich mit denen anlegen.

Dieses garstige, kleine Land im Nahen Osten, hartnäckig wie ein Tomatensoßenfleck auf der weißen Seidenbluse. Dieses Land zu kritisieren, ist für viele regelrecht kathartisch wie der erste erfolgreiche Toilettengang nach drei Tagen Obstipation. Da schwingt der unterbewusste Wunsch mit, Opa Erich ein bisschen zu rehabilitieren, denn vielleicht waren die Opfer damals ja gar nicht so opferig, und überhaupt, diese Juden, mit denen stimmt doch sowieso was nicht, wieso fliegen die denn überall raus, das muss doch einen Grund haben, warum keiner die mag.

„Man wird ja wohl noch Israel kritisieren dürfen!“, bellen wie die Pawlow’schen Hunde sämtliche Michels und häufig auch Mehmets unter jedem Artikel, der sich gar nicht um Israel dreht, sondern um Antisemitismus. Und wo wir gerade von Hunden sprechen: Wir nähern uns des Pudels Kern. Denn, wo ist die Grenze zwischen sogenannter „Israelkritik“ und blankem Antisemitismus?

Das Feigenblatt wird welk

Selbstverständlich darf, kann und muss man Staaten und deren Regierungen kritisieren. Auch Israel, insbesondere unter der aktuellen Regierung. Und das macht auch jeder und seine Oma, obschon gern das Gegenteil behauptet wird.

Seltsam wird es allerdings durchaus, wenn sich diese Kritik-Obsession ausschließlich auf den einzigen, jüdischen Staat der Welt bezieht, und wenn dort Sachen angeprangert werden, die wahlweise gar nicht stimmen oder bei denen in Bezug auf andere Länder großzügig alle Hühneraugen zugedrückt werden.

Iran zum Beispiel. Für „Irankritik“ gibt es nicht einmal ein eigenes Wort. Dass im Januar innerhalb von zwei, drei Tagen rund 40.000 (in Worten: vierzigtausend) Demonstranten vom IRGC ermordet wurden, und damit so viele Zivilisten getötet wurden wie in Gaza in zweieinhalb Jahren – egal. Das lässt man ihnen durchgehen, weil sie Trump ärgern. Und weil sie Israels........

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