Jesus sprach aramäisch
Von einer islamistischen Seite kommt wieder einmal ein Bild, mit dem Jesus nachträglich zum Muslim erklärt werden soll – dieses Mal anhand seiner Sprache. Die Argumentation ist nicht nur unsinnig und teilweise faktisch falsch. Sie unterschlägt auch genau jene historischen Zusammenhänge, die der gewünschten Botschaft im Weg stehen. Ein notwendiger Blick in die Geschichte.
Es gibt Menschen, denen würde ich nicht einmal das Wetter vor meinem eigenen Fenster glauben – selbst dann nicht, wenn ich es mit meinen eigenen Augen sehen könnte. Ich würde hinausgehen und nach dem Projektor suchen, mit dem sie mir den Regen vorgaukeln. Salafistische und andere islamistische Gruppen gehören für mich eindeutig dazu. Dasselbe gilt für religiöse Extremisten anderer Richtungen. Sie arbeiten regelmäßig mit denselben Methoden: Einzelne Sätze werden aus ihrem Zusammenhang gerissen, widersprechende Informationen werden verschwiegen, mehrdeutige Formulierungen werden bewusst eingesetzt und offensichtliche Behauptungen mit einer angeblich sensationellen Enthüllung verbunden, selbst wenn die Behauptung nicht den Fakten entspricht.
Islamisten versuchen dabei immer wieder, jüdische Propheten und auch Jesus zu Muslimen umzudeklarieren. Aus islamisch-theologischer Perspektive ist verständlich, woher diese Behauptung kommt: Der Koran verwendet das Wort muslim rückwirkend für frühere Gestalten wie Abraham – im Sinne eines Menschen, der sich Gott unterwirft. Das ist eine religiöse Glaubensaussage. Es ist aber keine historische Einordnung. Historisch entstand der Islam erst im siebten Jahrhundert, also ungefähr sechs Jahrhunderte nach Jesus. Jesus war ein Jude des Judentums der Zeit des Zweiten Tempels, kein Angehöriger einer damals noch nicht existierenden islamischen Gemeinschaft. Jesus feierte jüdische Feste und wirkte als jüdischer Lehrer.
Folgendes Bild habe ich nun gesehen, das ich hier nur als Text zitieren möchte:
The most important thing most Christians do not know: JESUS SPOKE ARAMAIC in his daily life not English, not Hebrew, not Greek, AND CALLED HIS GOD “ALAHA” – ALAHA – “The One God”
The most important thing most Christians do not know:
AND CALLED HIS GOD “ALAHA”
Der Beitrag verfolgt das irre Ziel, zu sagen: Schon Jesus habe Alaha, also Allah, gesagt und sei damit ein Muslim gewesen. Das die Begriffe nicht mal gleich sind, sondern sich nur ähneln, stört dabei natürlich nicht. Das Bild folgt einem leicht durchschaubaren Aufbau. Zunächst wird etwas Richtiges gesagt: Jesus sprach sehr wahrscheinlich Aramäisch. Dann stellt man daneben etwas vollkommen Selbstverständliches: Er sprach kein Englisch. Anschließend schiebt man zwei viel fragwürdigere Behauptungen hinterher: Er habe kein Hebräisch und kein Griechisch gesprochen. Am Ende wird aus einem gewöhnlichen aramäischen Wort für einen Gott plötzlich „The One God“. Aus einer sprachlichen Verwandtschaft soll auf diese Weise eine religiöse Identität gebastelt werden.
Welche Sprache sprach Jesus?
Jesus sprach im Alltag sehr wahrscheinlich hauptsächlich eine westaramäische Sprachform, vermutlich galiläisches Aramäisch. Darin besteht weitgehend Einigkeit. Das Neue Testament bewahrt sogar einige aramäische Wörter und Sätze, darunter Talitha kum, Ephphatha, Abba und Eloi, Eloi, lema sabachthani. Aramäisch war eine zentrale Umgangssprache vieler Juden in Galiläa. Daraus folgt jedoch nicht, dass Jesus nur Aramäisch sprach. Die Levante war mehrsprachig. Hebräisch, Aramäisch und Griechisch existierten nebeneinander, allerdings mit unterschiedlichen Funktionen, regionalen Schwerpunkten und gesellschaftlichen Verbreitungen. Hebräisch war keineswegs seit Jahrhunderten tot, wie es in manchen Darstellungen aus den altbekannten Ecken gerne behauptet wurde. Hebräische Texte aus der Zeit des Zweiten Tempels, darunter zahlreiche Schriftrollen vom Toten Meer, belegen deutlich, dass die Sprache weiterhin geschrieben und verstanden wurde. Die Forschung geht außerdem davon aus, dass Jesus bei der Verwendung jüdischer Schriften wahrscheinlich mit hebräischen........
