Gute Aliens, böse Aliens
Nehmen wir an, morgen landet ein außerirdisches Raumschiff auf der Erde. Keine Wetterballons, keine geheimen Militärprojekte und auch keine verwackelten Videos, auf denen irgendein Lichtpunkt über Arizona fliegt. Sondern ein echtes Raumschiff. Die ersten Fragen wären vermutlich ziemlich pragmatisch: Sind sie gefährlich? Was wollen sie? Können wir überhaupt mit ihnen kommunizieren? Über eines könnten wir allerdings schon nachdenken, bevor sich die Tür des Raumschiffs öffnet. Was für Wesen müssten das eigentlich sein? Denn eine Spezies, die zwischen den Sternen reist, wäre nicht einfach eines Tages mit einem Raumschiff aufgewacht. Hinter ihr lägen wahrscheinlich hunderte Millionen oder sogar Milliarden Jahre biologischer Evolution. Irgendwann hätte daraus eine kulturelle und technische Entwicklung begonnen, die möglicherweise sehr viel länger gedauert hätte als unsere gesamte menschliche Geschichte.
Und diese Entwicklung dürfte Spuren hinterlassen haben. Evolution bringt keine guten oder bösen Wesen hervor. Sie kennt keine Moral. Eigenschaften setzen sich durch, wenn sie unter bestimmten Bedingungen dabei helfen, zu überleben und sich fortzupflanzen. Dabei wäre es zumindest sehr ungewöhnlich, wenn eine intelligente außerirdische Spezies in ihrer gesamten evolutionären Vergangenheit niemals Aggression gekannt hätte. Denn wo Lebewesen um begrenzte Ressourcen konkurrieren, entstehen Interessenkonflikte. Nahrung kann knapp sein. Lebensraum kann knapp sein. Fortpflanzungspartner können umkämpft sein. Nachwuchs muss gegen Fressfeinde oder Artgenossen verteidigt werden. Wer sich überhaupt nicht verteidigen, Konkurrenten niemals abwehren und auf keinen Angriff reagieren kann, kann dadurch einen erheblichen evolutionären Nachteil haben.
Auf der Erde ist innerartliche Aggression deshalb keineswegs eine Besonderheit des Menschen. Sie findet sich in sehr unterschiedlichen Tiergruppen – von Drohgebärden über Revierkämpfe bis hin zur Tötung von Artgenossen. Auch tödliche Gewalt ist kein rein menschliches Kulturprodukt. Bei verschiedenen Säugetieren töten Individuen Mitglieder ihrer eigenen Art. Bei unseren nahen Verwandten, den Schimpansen, kennen wir sogar gemeinschaftliche tödliche Angriffe auf andere Gruppen. Natürlich folgt daraus nicht, dass jede intelligente Spezies im Universum zwangsläufig dieselbe Geschichte erlebt haben muss. Aber wenn ihre Evolution ebenfalls durch Konkurrenz, begrenzte Ressourcen, Fortpflanzung und soziale Gruppen geprägt wurde, wäre es schwer vorstellbar, dass ihre Vorfahren niemals Gewalt gegeneinander eingesetzt hätten.
Vielleicht besaßen sie keine Keulen. Vielleicht erfanden sie niemals Schwerter. Vielleicht funktioniert ihre Biologie völlig anders als unsere. Aber irgendeine Form von Kampf, Verletzung und vermutlich auch tödlicher innerartlicher Gewalt wäre in einer solchen Entwicklung durchaus plausibel. Vielleicht kannten ihre Vorfahren Kämpfe um Ressourcen. Vielleicht töteten sie Artgenossen. Vielleicht entwickelten sie irgendwann sogar organisierte Gewalt zwischen Gruppen. Das Entscheidende wäre deshalb nicht, ob Aggression zu ihrer Vergangenheit gehört. Viel interessanter wäre, was anschließend aus ihr geworden ist. Denn Evolution kennt noch eine zweite außerordentlich erfolgreiche Strategie: Kooperation.
Menschen haben nicht deshalb den Mond erreicht, weil Neil Armstrong besonders gut darin war, anderen Menschen auf den Kopf zu schlagen. Hinter ihm standen Hunderttausende Menschen, die Wissen weitergaben, Aufgaben verteilten, Regeln entwickelten und gemeinsam an einem Ziel arbeiteten. Eine Spezies, die irgendwann nicht nur einen Mond erreicht, sondern zwischen den Sternen reist, müsste diese Fähigkeit zur Zusammenarbeit vermutlich in einem geradezu absurden Maß entwickelt haben. Damit hätten unsere Aliens möglicherweise zwei Seiten in sich getragen, die wir auch von uns kennen: die Fähigkeit zum Konflikt und die Fähigkeit zur Kooperation.
Die eigentliche Frage wäre deshalb nicht, ob eine hochentwickelte außerirdische Zivilisation einmal aggressiv gewesen ist. Sondern was sie in hunderttausend, einer Million oder vielleicht zehn Millionen Jahren kultureller Entwicklung mit dieser Aggression gemacht hat.
Hat sie gelernt, Konflikte so zu regulieren, dass Gewalt irgendwann weitgehend verschwand? Hat sie ihre Aggression gesellschaftlich eingehegt? Hat sich ihr Verständnis davon, wer zur eigenen Gemeinschaft gehört, immer weiter ausgedehnt – von der Familie zum Stamm, vom Stamm zu größeren Gesellschaften und schließlich auf die gesamte Spezies? Oder hat sie lediglich gelernt, Gewalt effizienter zu organisieren? Vielleicht haben unsere Besucher seit einer Million Jahren keinen Krieg mehr geführt. Vielleicht beherrscht aber auch seit einer Million Jahren dasselbe außerordentlich erfolgreiche Imperium ihren gesamten Planeten. Technischer Fortschritt allein verrät uns darüber erstaunlich wenig.
Vom ersten Werkzeug zum ersten Gebet
Auf dem langen Weg zu den Sternen könnte allerdings noch etwas anderes geschehen sein. Denn als Menschen begannen, ihre Umwelt nicht mehr nur wahrzunehmen, sondern über sie nachzudenken, entwickelten sie offenbar nicht ausschließlich bessere Werkzeuge. Sie entwickelten auch Religion. Dabei müssen wir vorsichtig sein. Es lässt sich nicht behaupten, dass jede intelligente Spezies........
