Der göttliche Massenmord

Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill versucht, die Atombombe religiös zu legitimieren. Es ist nicht das erste Mal, dass der enge Verbündete Putins mit einer sehr eigenwilligen religiösen Auffassung auffällt. Manchmal beginnt das Problem nicht erst dort, wo jemand behauptet, Gott habe eine Waffe geschaffen. Es beginnt schon dort, wo eine menschliche Waffe eng mit Gottes Willen verbunden wird.

Laut ORF soll Kyrill gesagt haben, dass „die Entwicklung einer so mächtigen Waffe an diesem Ort kein Zufall war, sondern zum Teil durch die Gebete unseres verehrten und gottesfürchtigen Vaters Seraphim von Sarow zustande kam“. Der Hintergrund: Die sowjetische Atombombe wurde in Sarow entwickelt, einem Ort, der eng mit dem heiligen Seraphim von Sarow verbunden ist. Dieser habe durch seine Gebete dazu beigetragen, dass die Entwicklung erfolgreich war. Seraphim starb allerdings mehr als hundert Jahre, bevor die erste sowjetische Atombombe gezündet wurde.

Die Aussage des christlichen Medienmagazins Pro, Kyrill habe Russlands Atombombe zum Gotteswerk erklärt, lässt sich dementsprechend durchaus begründen, auch wenn Gott die Bombe natürlich nicht selbst geschaffen hat. Ob man Kyrill zugutehalten kann, dass er keinen Einsatz der Waffe gefordert hat, lässt sich zumindest diskutieren. Tatsächlich bejahte er sie in diesem Zusammenhang als Mittel der Abschreckung. Das allein könnte man sicherheitspolitisch verteidigen, denn auch Russlands mögliche Gegner verfügen über Atomwaffen. Ein geopolitisches Argument für Abschreckung ist allerdings etwas grundlegend anderes als eine religiöse Begründung für eine Massenvernichtungswaffe.

Was ist mit den Gerechten?

Die Geschichte der Massenvernichtung begann nicht mit Atombomben. Schon die Bibel erzählt von der Vernichtung ganzer Städte, auch wenn Kyrill selbst darauf keinen Bezug nimmt. Ist das vielleicht ein Beweis dafür, dass für Gott auch der Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen eine Bevölkerung legitim sein kann? Selbst Nichtgläubigen dürften Sodom und Gomorra ein Begriff sein. Doch eignet sich diese Geschichte wirklich als Rechtfertigung?

Gerade dann, wenn Menschen zerstörerische Macht mit Gottes Willen verbinden, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn Bereschit 18–19 erzählt nicht einfach nur: Gott ließ Feuer auf Sodom fallen, die Frevler starben, Ende der Geschichte. Die Zerstörung ist realer Bestandteil der Erzählung. Aber sie ist nicht ihre einzige Ebene – und für die moralische Frage vielleicht nicht einmal die entscheidende. Denn noch bevor das Feuer fällt, beginnt ein Gespräch.

Sollte der Richter nicht Recht üben?

Erstaunlich ist bereits, dass Gott sich selbst fragt, ob er Abraham von dem bevorstehenden Gericht über Sodom berichten soll. Das steht unmittelbar im Zusammenhang mit der Aussage, Abraham solle seine Nachkommen Gerechtigkeit und Recht – Zedaka u-Mischpat – lehren. Die Frage drängt sich deshalb geradezu auf: Warum spricht Gott vor der Zerstörung mit Abraham? Was erwartet er von ihm? Wenn Abraham lediglich lernen sollte, dass Gott die Frevler vernichtet, hätte Gott ihm das Ergebnis auch hinterher zeigen können. Doch er tut es vorher.

Man kann den Aufbau deshalb so verstehen, dass Abrahams Widerspruch nicht bloß geduldet wird, sondern zu seiner Berufung gehört. Wer Gerechtigkeit lehren soll, darf angesichts drohender Vernichtung nicht schweigen.

Und Abraham schweigt tatsächlich nicht. Er sagt auch nicht automatisch: Wenn Gott es will, muss es richtig sein.

„Willst du wirklich den Gerechten zusammen mit dem Frevler........

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