Palmsonntag |
Das Ehepaar Kaiser wachte morgens auf und sprach mit gedämpfter Stimme über dies und jenes, bis Frau Kaiser (also ich) sagte: „Heute ist Palmsonntag. Weißt du, was das ist?“ Nein, meinte Herr Kaiser, so genau nicht. Aber da Herr Kaiser den Geschichten von Frau Kaiser so gerne lauscht, legte diese ihre Erzählstimme an und sagte: Es ist der Sonntag vor Ostern. Da ist Jesus in Jerusalem auf einem Esel eingezogen und wurde von mit Menschen gesäumten Straßen, die ihm zujubelten und mit Palmwedeln wedelten, wie ein König empfangen. Das musst du dir mal vorstellen. Und er wusste schon, dass er eine Woche später tot ist. Ah, meinte Herr Kaiser, das wusste ich wirklich nicht.
Religion unter einem Tyrannen
Ich bin Atheistin, aber ich bin eine geworden, nach langen Jahren, zum Teil sehr intensivem Glauben im Evangelisch-Lutherischen. Meine Transition auf „die andere Seite“ war weder erzwungen noch aus Enttäuschung. Eine friedliche Übergabe der Geschäfte, die meine Seele betreffen, durch Gott an mich selbst. Das hatte auch damit zu tun, dass ich Gott niemals als einen Tyrannen gesehen habe, dem man sich aus Furcht anschließen musste. Vielleicht ist das auch dem Umstand zu verdanken, dass ich in einer vorgeschriebenen Atheistokratie – dem „real existierenden Sozialismus“ Rumäniens unter Ceausescu aufgewachsen bin. Der Tyrann war aus Fleisch und Blut, und hatte seinen Schrecken und seine Unterwerfungstaktiken, aber nicht den Respekt der kleinen Leute. Wie könnte da die Kirche auch so einen Gott zum Unterwerfen präsentieren können?
Mein Glaube entstand aber auch auf eigentümliche Weise, ich habe mich quasi selbst missioniert. Meine Familie mit den typischen Siebenbürger Sachsen, bodenständig, loyal, der Kirche als Identifikationspunkt verbunden, gläubig, aber nicht in diesem charismatischen, ekstatischen Sinne, wie wir es mitunter bei den „Bekehrten“ (so nannten wir sie) sehen konnten, die nur noch mit der Bibel rumwedelten und zum Teil die Wissenschaft und Technik als Teufelszeug ablehnten. Nein, meine Familie bestand aus Ingenieuren und mathematisch denkenden Menschen, die ab und zu, wenn die Zeit es hergab, in die Kirche gingen, und die Frömmigkeit ihnen Halt im persönlichen Leben bot, aber nicht, um damit anderen auf den Geist zu gehen. Ich lernte früh mein Abendgebet („Mein Herz ist rein ….“), das ich vor dem Schlafengehen aufsagte und wir beteten vor jeder Mahlzeit („Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast“). Ich fragte wohl schon mal danach, wie dieser Gott ist, und wer Jesus, aber ich könnte jetzt nicht mehr wiedergeben, was........