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Netz und Nettigkeit

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16.08.2026

Ich bin seit sehr sehr langer Zeit online. Ich bin kein Early Adapter, aber ich habe schon in den mittleren 90er Jahren im CIP-Pool meiner Universität das Chatprogramm entdeckt und kurze Zeit später mir eine Email-Adresse beim lokalen Freenet geholt. Es gab eine so übersichtliche Zahl von Usern, dass ich sie mir mit ein-zwei Minuten Zeit zum scrollen alle anzeigen lassen konnte, von überall auf der Welt. Und wir hatten einen lokalen Channel, in dem wir uns allabendlich nach dem Quietschen des einwählenden Modems virtuell treffen konnten. Was den Vorteil hatte, dass wir uns dann auch live treffen konnten. Von Angesicht, genau, und zwar in der Bar um die Ecke. Einzeln und als Gruppe.

Ich kann mich aber auch erinnern, mit einem Amerikaner gesprochen zu haben, und das weiß ich eigentlich nur noch aus dem Grund, weil er mir tatsächlich per Post ein Foto mit Autogramm schickte. Ja, damals war das per Email noch nicht möglich. Er war ein Standup-Comedian. Ob er berühmt geworden ist? Keine Ahnung, ich müsste nach dem Foto suchen. Ich lernte aber vor allem ein paar Menschen aus demselben Ort (Erlangen) kennen, die ich sonst nicht kennengelernt hätte – eine bunte Truppe, deren Gemeinsamkeit lediglich die Bereitschaft war, damals schon sich technisch mit der Welt zu verbinden.

Später wechselte ich zu dem IRC-Netz, das bei weitem größer war, das war gegen Ende des letzten Jahrhunderts. Das hatte eine gewisse Struktur, es gab aktive Stadtchannels und einer der aktivsten war ausgerechnet #erlangen. Und wir hatten einen realen Stammtisch, einmal in der Woche, in Fürth, im damaligen Falken’s Maze. Somit kannten wir tatsächlich unsere Gesichter, während es zu der Zeit noch kaum die Möglichkeit gab, sich mit digitalen Bildern zu bedenken. Einige hatten zwar schon Handys, aber Smartphones gab es noch lange nicht.

Wir trafen uns sogar zum jährlichen Treffen deutschlandweit. So richtig mit Zelten und drei Tagen und zusammen essen, trinken, feiern. Es hatte etwas an sich, dass man sich täglich virtuell treffen konnte, zur Tag- und Nachtzeit, wann immer einem danach war. Und sich ausklinken, wenn man den Rückzug brauchte. Und – fast forward – dann sich doch persönlich und live kennenlernen. Und gerade Introvertierte konnten sich eine Brücke bauen, die sie bis ins reale Treffen trug. Da konnte auch schon mal einer der beliebtesten, aber ruhigsten (vielleicht deswegen gerade so beliebt, fast legendär) beim Stammtisch dabeisitzen und so gut wie kein Wort herausbringen, aber das war vollkommen in Ordnung, denn........

© Die Kolumnisten