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Corona, Schmetterlinge und Serendipity

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04.01.2026

Ich muss meine Leser um Entschuldigung bitten. Denn ich fühle mich ein wenig wie ein Kriegsgewinnler, dass es mich insgeheim erleichtert, dass jetzt alle genauso unsicher sind, wie ich schon immer war. Es muss ja nicht so der Fall gewesen sein, dass (fast) alle alles richtig machten, vielleicht bilde ich es mir nur ein und die Sicherheit des geplanten Lebenswegs kam sehr viel seltener vor, als ich glaubte. Es schüchterte mich aber gewaltig ein, wie verbreitet die Diskussion darüber war, dass jemand eine „Lücke im Lebenslauf“ hatte. Dass ein Jahr schon sehr auffällig war. Bei mir waren es viel mehr und dazu noch ein abgebrochenes Studium und ein langes zweites. Ich konnte mich mit Begeisterung in neue Sachen stürzen und nach einer Weile für etwas ganz anderes brennen. Ich lernte mehrere Sprachen, war in der studentischen Vertretung, wohnte in verschiedenen Städten. Das Mutter-Werden war eine Achterbahn an Gefühlen und neuen Erkenntnissen. Ich habe in verschiedenen Lebensabschnitten völlig unterschiedliche Freundschaften gebildet. Ich liebe Neues und habe ständig ein schlechtes Gewissen gehabt, dass ich nicht bei einem bereits Gefundenen blieb. Ich zweifelte an mir selbst, und ob ich überhaupt durchhalte, bis ich alt werde. Alle anderen schienen dagegen sehr viel stabiler, bedeutsamer in ihrem Sein, ihrem Beruf, sehr viel besser mit Verpflichtung und Loyalität umgehen zu können.

Doch dann kam Corona. Auf einmal war „Vermummen“ und „Vollverschleierung“ eine Sache für gute Bürger, während es vorher nur die leitkulturverweigernden „Kopftuchmädchen“(Thilos Sarrazin) oder der schwarze Block tat. Auf einmal waren Vereinsmeierei und Prosecco-Treffen für alle falsch, wie für mich schon vorher. Mit Aufkommen der KI brachen plötzlich die krisensicheren und zukunftsträchtigen Jobaussichten für Informatiker zusammen. Zuerst waren Firmen durch die Lockdowns gefährdet, danach gab es einen Fachkräftemangel und Saison- und Service-Aushilfskräfte wurden händeringend gesucht. Im Moment scheint die ach so sichere deutsche Autoindustrie in sich zusammenzubrechen. Plötzlich heißt es, dass die Studienanfängerzahlen für Geisteswissenschaften dramatisch einbrechen, während diese Generalisten begehrt werden. Dann doch nicht. Heute so, morgen anders.

Nichts ist mehr sicher. Pazifisten hatten früher recht und auf einmal nicht mehr. Querdenker waren mal gefragt, jetzt sind sie Störer. Konservative sind auf dem Vormarsch, Progressive gelten als autoritativ. Es heißt allenthalben, dass diese allgemeine Verunsicherung, diese Komplexitätssteigerung, die Leute in Scharen zu den Populisten und/oder in die psychiatrischen Einrichtungen treibt. Und überhaupt – Depressionen, Autismus, ADHS sind von verschämt versteckten Krankheiten zu solch präsenten geworden, dass die Komplexitäts-Phobiker von einer „Mode“........

© Die Kolumnisten