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Merkels Hypothek ist eine populistische Partei rechts von der CDU

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24.09.2021

Sie tourt durch die Lande, sucht das Offene, ganz zum Schluss, so wie es ihr der alte Mitstreiter aus Physikertagen, Michael Schindhelm, zu Anfang geraten hatte. Ins Offene gehen – vielleicht danach, nach ihrer Kanzlerschaft: indem sie sich Rechenschaft ablegt über diese Zeit.

Angela Merkel, die erste Frau in diesem Amt, eine Ostdeutsche, eine, von der Mann es nie gedacht hatte.

Jedenfalls die Männer nicht, die in der CDU lange das Sagen hatten. Übergang sollte sie sein, nach Gerhard Schröder zu – nun ja, einem von Ihnen. Roland Koch, Günther Oettinger, Christian Wulff, ein paar andere noch. Namen, die heute der Politologe noch nennt und kennt. Aber sonst? Ja, Friedrich Merz, als Vintage-Politiker, ist wieder da. Und sie, sie ist auch immer noch da, noch.

Vorbei, ein dummes Wort, das über Nachrufen steht. Aber richtig, noch ist es nicht vorbei. Merkel ist noch im Amt, das sie mitnimmt auf ihren Touren, ob die in den Wahlkreis an der Ostseeküste oder in die Balkan-Länder führen.

Die Kanzlerin kommt: Ein bisschen wie beim späten Helmut Kohl, als der Abschied nahm. Allerdings kandidierte er noch einmal. „Der Kanzler kommt!“, prangte auf den Plakaten. Der Kanzler kam – aber nicht als Captain Future. Und die Menschen kamen, um noch einmal den Mantel der Geschichte anzufassen, der ihn umwehte. Merkel kommt, und sie ist auch Geschichte, bald.

Womöglich wird sie länger Kanzlerin sein als Helmut Kohl

Ihr Mantel der Geschichte? Ist eine Zahl. 16 Jahre plus einige Tage. Wenn es so kommt, wie niemand will, wenn die Koalitionsverhandlungen nach der Wahl schwierig werden, und sie bis in den Dezember hinein regieren muss, geschäftsführend, dann kann sie sogar länger als Helmut Kohl im Kanzleramt gewesen sein. Welch ein Übergang. Übrigens wieder zu einem Mann, das scheint immerhin festzustehen.

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Annalena Baerbock, die Grüne, mit ihren 40 Jahren eine Merkel-Enkelin, hat keine Chance. Und warum nicht? Auch ihretwegen, Merkels wegen. Denn an ihr wird gemessen, wer das Amt übernehmen will, im Guten wie im Schlechten. Gegen Merkel wirkt manch einer, eine energetisch, dynamisch, führungsstark in Gestus und Habitus. An ihren starken Tagen ist das bei Baerbock so. Manche finden das erfrischend, andere erschreckend. Gemessen an Merkel.

Nach Jahren der relativen Stille, der fehlenden Erklärungen, der Worte, die nicht gesprochen wurden, als alle auf sie gewartet haben, wirkt jeder, jede im Vergleich laut, der oder die eine klare politische Ansage nicht scheut. Oder überhaupt eine Ansage. Oder auch nur den Versuch einer Ansage. Kein Wunder, dass Männer die Merkel geben. Wechsel ja – aber Wandel, ob den die Deutschen wollen?

So ist das Land, so ist die CDU. Schauen wir uns doch um. Armin Laschet ist mit den Jahren immer merkeliger geworden. Als Journalist waren seine Leitartikel scharf, manche Worte regten auf, verletzten. Heute ist er moderierend, manchmal mäandernd, Wörter purzeln in den Raum, bilden Sätze, werden zum Strom. Aber zu einem, der nichts und niemanden mitreißt. Dass ausgerechnet er durch die schreckliche Flut im Wahlkampf weggerissen zu werden drohte, hat einen satirischen Zungenschlag.

Selbst ein Mindestlohn von 12 Euro wird noch als Merkels Verdienst gelten

Das Geheimnis ihrer Macht, Merkels Macht? Dass sie sich die........

© Der Tagesspiegel


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