Zögern in der Energiepolitik hat seinen Preis: Die Rechnung zahlen die Abhängigen
Es ist im Grunde eine alte Gewissheit: In der Energiepolitik rächt sich jedes Zögern doppelt – ökonomisch und politisch. Der jüngste Ölpreisschock führt das allen mit geradezu brutaler Klarheit vor Augen.
Während Haushalte rechnen, frieren, verzichten, klingeln bei den großen fossilen Konzernen die Kassen. Das ist kein moralisches Urteil, sondern eine strukturelle Schieflage. Wer abhängig ist, zahlt. Immer.
Die eigentliche Frage lautet also nicht mehr, ob der Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas kommen muss, sondern wie lange man sich noch leisten will, ihn zu verschleppen. Deutschland, gern Vorreiter im Anspruch, wirkt in der Praxis erstaunlich zaudernd.
Stephan-Andreas Casdorff ist Editor-at-Large des Tagesspiegels. Er findet: Der Ölpreisschock drängt die Regierungen einmal mehr zum Handeln in der Energiepolitik.
Neue Gaskraftwerke hier, gebremster Ausbau dort, dazu eine politische Erzählung, die Versorgungssicherheit und Transformation gegeneinander ausspielt, als wären sie Gegensätze.
Das Gegenteil ist richtig. Versorgungssicherheit entsteht heute durch Unabhängigkeit – und die heißt Wind, Sonne, Speicher, Netze.
Nun kommt die heikle, aber unausweichliche Debatte über Geld. Die Gewinne der fossilen Industrie sind kein Betriebsunfall, sie sind das Resultat geopolitischer Krisen und systemischer Abhängigkeiten.
Die Zustimmung zu Investitionen in erneuerbare Energien ist hoch, ebenso die Bereitschaft, große Gewinne stärker zu besteuern.
Die Zustimmung zu Investitionen in erneuerbare Energien ist hoch, ebenso die Bereitschaft, große Gewinne stärker zu besteuern.
Stephan-Andreas Casdorff
Eine Übergewinnsteuer ist deshalb kein Akt der Bestrafung, sondern der Korrektur. Wer in der Krise überproportional profitiert, kann auch überproportional zur Lösung beitragen. Das ist keine Ideologie, sondern fiskalische Vernunft.
Gleichzeitig darf man sich nichts vormachen: Steuern allein bauen keine Solaranlagen und keine Stromtrassen. Es braucht Geschwindigkeit, Planungssicherheit, weniger Bürokratie – und den Mut, Prioritäten zu setzen.
Die Mehrheit befürwortet Investitionen in Erneuerbare
Eine Oxfam-Umfrage in sieben Ländern von April 2026 zeigt, dass dreimal so viele Befragte staatliche Investitionen in erneuerbare Energien anstelle einer Ausweitung der Förderung fossiler Brennstoffe befürworten. Zwei Drittel (68 Prozent) sprachen sich außerdem für eine Erhöhung der Steuern auf die Gewinne großer Öl- und Gaskonzerne aus, um den Übergang zu erneuerbaren Energien zu finanzieren.
Umfragen unter anderem von YouGov und Infratest dimap zeigen zudem, dass sich circa 55 bis 70 Prozent für eine Übergewinnsteuer auf Energie-/Ölkonzerne aussprechen.
Die Bevölkerung scheint weiter zu sein als die Politik. Die Zustimmung zu Investitionen in erneuerbare Energien ist hoch, ebenso die Bereitschaft, große Gewinne stärker zu besteuern, hat Oxfam in einer aktuellen Umfrage ermittelt. Das ist ein Auftrag.
International wird sich entscheiden, ob aus vielen nationalen Ankündigungen ein belastbarer Fahrplan wird. Der globale Süden, besonders verwundbar, besonders betroffen, kann nicht länger Vertröstungen bezahlen.
Eine gerechte Energiewende ist deshalb kein wohlklingendes Etikett. Es ist vielmehr die Bedingung ihrer politischen Akzeptanz.
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Am Ende bleibt eine nüchterne Bilanz: Die fossile Ära endet nicht aus Einsicht, sondern aus Druck – ökonomisch, gesellschaftlich, klimatisch. Die Politik hat die Wahl, diesen Druck zu gestalten oder von ihm getrieben zu werden.
Noch ist Zeit für Gestaltung. Aber sie wird, wie Energie im falschen System, täglich teurer.
