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Deutschland zwischen Vernunft und Wahn

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15.06.2020

Es war vielleicht nur eine schöne Illusion. In all der Sorge um Menschenleben und soziale und wirtschaftliche Existenzen spross zu Beginn der großen Krise doch auch die Hoffnung auf mehr individuelle wie gesellschaftliche Besinnung. Auf mehr Achtsamkeit und Achtung, auf mehr Verantwortung für einander. Selbst Menschen, die nicht zu überbordendem Optimismus neigen, setzten plötzlich auf etwas, das die Schriftsteller Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach in ihrem so betitelten Dialog-Bändchen (der Vor-Coronazeit) die „Herzlichkeit der Vernunft“ genannt haben.

Wer dieser Tage durch Berlin streift, erlebt vielerorts wieder das reine Gegenteil. Rüdes Rasen auf den Straßen, das notorische Missachten rot gewordener Ampeln, das Missachten von Abstands- und Anstandregeln in öffentlichen Verkehrsmitteln, Bars, Restaurants, auf Versammlungsplätzen. In Tankstellen finden sich an Zapfsäulen Aufkleber zur Maskenpflicht im Kassenraum, versehen mit dem Hinweis: „Bitte diskutieren Sie mit uns nicht über Sinn oder Unsinn dieser Maßnahmen.“ Prävention kippt da schon um in Resignation.

Gleichzeitig fallen jetzt in Europa vor Beginn der Sommerferien die meisten Reisebeschränkungen. Eben noch schienen freilich Reisen fast nur innerhalb Deutschlands angesagt. Als unter Freunden jemand vor nicht allzu langer Zeit überlegte, so bald wie möglich eine abgesagte Fahrt nach Oberitalien nachzuholen, kam der spontane Ausruf: „Na super, Ferien in Wuhan!“

Diese Einschätzung löst sich gerade auf. Schaut man auf die nach wie vor ungemein strengen Vorsichtsmaßnahmen etwa in Spanien, Frankreich und Italien und sieht zugleich, wie die Berliner Sperrstunde fällt (was selbst manche besorgte Bar-Betreiber den Kopf schütteln lässt), dann kehrt sich gerade allerhand um. Ballermann ist nicht mehr Malle, Ballermann ist Berlin.

All das sind gewiss auch: pointierte Momentaufnahmen. Wie die zum Wochenanfang gemeldeten........

© Der Tagesspiegel


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