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Die verordnete Schizophrenie

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29.08.2021

Nina L. Khrushcheva ist Professorin für internationale Beziehungen an der New Yorker New School. _ Aus dem Englischen von Jan Doolan. Copyright: Project Syndicate, 2021. www.project-syndicate.org

In diesem Monat ist es 30 Jahre her, dass eine Gruppe kommunistischer Hardliner die Kontrolle über Moskau ergriff und den sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow in seiner Datscha auf der Krim unter Hausarrest stelle. Die Putschisten lehnten Gorbatschows Reformen – Perestroika und Glasnost – ab und wollten seine Regierung stürzen. Innerhalb von drei Tagen jedoch brach der Staatsstreich in sich zusammen. Mit Jahresende war es auch mit der Sowjetunion vorbei.

In den 20 Jahren, die der russische Präsident Wladimir Putin nun an der Macht ist, wurde die Bedeutung dieses Umsturzversuchs in ihr Gegenteil verkehrt. Heute wird er als Versuch russischer Kräfte zum Erhalt des Staates dargestellt, der durch eine antisowjetische Stimmung vereitelt wurde. Laut einer jüngsten Meinungsumfrage erinnern sich bloße 50 Prozent der Russen an diese unruhigen Tage, als Moskau von Soldaten in Panzern besetzt war und im Fernsehen in einer Endlosschleife „Schwanensee“ gezeigt wurde. Und da der Kreml nichts tut, um ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, glauben heute nur noch sieben Prozent, dass dies ein „Sieg der Demokratie“ war.

Mangelware Freiheit

Zwar wird jedes Jahr der „Tag der Nationalflagge“ – Jahrestag des offiziellen Sieges über die Putschisten – begangen. Doch werden die Feierlichkeiten von freiheitlichen Parteien, Menschenrechtsaktivisten und der Handvoll verbleibender Oppositioneller angeführt – jenen, die danach streben, den Kampf für ein freies Russland zu feiern. Putin selbst hat nie teilgenommen. Tatsächlich war der Sieg über die Putschisten genauso erfolglos wie der Putsch selbst. Schließlich ist Russland heute alles andere als frei.

Wer etwas schreibt oder postet, das als gegen Putin, die Regierung oder die Kirche gerichtet angesehen werden kann, riskiert die Verhaftung. Die Zivilgesellschaft hat kaum noch Luft zum Atmen.

Natürlich ist Putin nicht Stalin: Die Menschen werden heute anders als 1937 nicht en masse vor Gericht gestellt. Doch wurden unter Gorbatschow mehr oppositionelle Stimmen geduldet als heute. Fragen Sie bloß Alexei Nawalny, den Korruptionsbekämpfer, Anwalt und prominenten Putin-Kritiker, der nun unter vorgeschobenen Vorwürfen im Gefängnis schmachtet. Sie könnten auch alle fragen, die für seine Stiftung arbeiteten, die erst als „extremistische Gruppe“ etikettiert und dann zur Auflösung gezwungen wurde, oder die der Organisation auch nur Geld gespendet haben.

Doch die meisten Russen leisten bisher kaum Widerstand. Das sollte vielleicht kein Schock sein. Allerdings wurde die Tendenz, Stabilität zu preisen und sogar einen Teil der eigenen Freiheit dafür aufzugeben, lange als Reaktion auf die Unsicherheit und Not der sowjetischen und postsowjetischen Zeit angesehen. Heute leben die Russen in relativem Wohlstand und Komfort. Vielen ging es noch nie so gut. Warum also bleiben so viele überzeugt, dass es eines starken Mannes bedarf?

Zunahme des Wohlstands

Zwar ist Russland noch immer nicht die Supermacht, die es einst war. Doch ist seine Bevölkerung nicht besonders durch externe Bedrohungen gefährdet. Und Putins Bemühungen, Russlands Großmachtstatus „wiederherzustellen“ – einschließlich Annexion der Krim und Einmischung in die Wahlen anderer Länder – stützen weder die Sicherheit noch den Wohlstand des Durchschnittsbürgers. Tatsächlich tun sie das Gegenteil.

Doch die Russen........

© Der Tagesspiegel


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