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Wider den verkrampften Umgang

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16.06.2019

Deutschland ist vergleichsweise arm an nationalen Symbolen, der Umgang mit ihnen auf eigenartige Weise verkrampft. Als die Bürger des Landes zur Fußballweltmeisterschaft 2006 ihr „Sommermärchen“ ganz in Schwarz-Rot-Gold feierten, beruhigten sich viele der üblichen Bedenkenträger erst, als die Überzeugung sich durchsetzte, es sei lediglich „Fußballpatriotismus“, mehr Party als Politik.

So ähnlich wiederholte sich das 2010. Im Landtag sprach der damalige Oppositionsführer Bodo Ramelow aufgebracht von „Fanartikeln“, als die CDU-Fraktion Krawatten und Halstücher in den Farben der Bundesrepublik trug. Wie allergisch der heutige Ministerpräsident Thüringens auf nationale Symbole reagiert, unterstrich er kürzlich nochmals mit seinem Vorstoß zur Abschaffung der deutschen Nationalhymne.

In jüngster Zeit hat sich Schwarz-Rot-Gold sowohl Umarmungs- und heftigster Abwehrreaktionen zu erwehren. Die unfreiwillige Komik, mit der AfD-Flügelmann Björn Höcke 2015 Schwarz-Rot-Gold nicht etwa hisste, sondern als Ausweis nationaler Gesinnung über die Lehne eines Stuhls im Fernsehstudio hängte, ging außer ihm wohl jedem auf. Die ernste Seite der Angelegenheit ist, dass die AfD sich in maßloser Selbstüberschätzung als Fürsprecherin des gesamten Volkes inszeniert und die Nationalfarben dazu großzügig nutzt.

Auf der anderen Seite reihen sich Teile der sogenannten Zivilgesellschaft in die lange Reihe der Gegner von Schwarz- Rot-Gold ein, wie zuletzt im Oktober 2018 bei der „Unteilbar“-Demonstration in Berlin. Feinde dieser Farben waren bisher vor allem Monarchisten, Deutschnationale, Nationalsozialisten und Rechtsextreme. Heute versammeln sich die Verächter von Schwarz-Rot-Gold nicht mehr unter Schwarz- Weiß-Rot, sondern unter der Regenbogenfahne, deren Symbolkraft ganz nebenbei dadurch geschwächt wird.

Für nicht wenige Ostdeutsche ist das alles unverständlich. Unsere innere Bindung an Schwarz-Rot-Gold wurzelt in der Friedlichen Revolution 1989/90. Zu den Schlüsselszenen dieser Revolution gehören die Nachmittagsstunden des 19. Dezember 1989, einem Dienstag. Helmut Kohl sprach vor der Ruine der Frauenkirche in Dresden zu 20 000 Menschen. Schwarz-Rot-Gold beherrschte die Szenerie. Hammer, Zirkel und Ährenkranz, das Staatswappen der DDR, waren vielfach abgetrennt oder ausgeschnitten. Daran war nichts verkrampft, das war nicht Party, das war Politik. Die von Herzen getragene Flagge war der vom Volk getragene Wille zur Einheit ihres Vaterlandes.

Der Augenblick, nicht mehr als eine........

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