Im Tagesspiegel vor 80 Jahren: Händedruck der Unfreiheit

Das Verständnis war ja da für die aus Weimar gezogene Lehre, nie wieder einen Kampf der Arbeiterparteien untereinander zu führen und damit Rechtsextreme zu begünstigen. Und Sozialismus war im Nachkriegsdeutschland kein Schreckgespenst, sondern Hoffnung, bis hin zur CDU, auch wenn der Tagesspiegel das, was den Christdemokraten in der Nachkriegszeit vorschwebte, eher als „Solidarismus“ charakterisierte.

Satisfaktionsfähig für den Tagesspiegel waren aber allein die „aufrechten Demokraten unter den Sozialisten“ (Zeitungsgründer Erik Reger) und deren Standpunkt in der Diskussion um die Vereinigung der SPD mit der KPD zur SED. Oder SEP, wie der Tagesspiegel dann auch noch lange nach der Gründung der neuen Partei schrieb und damit deren deutschlandweiten Anspruch zurückwies.

Markus Hesselmann hat 30 der 80 Jahre Tagesspiegel-Geschichte als Redakteur miterlebt. Er schaut gern ins Archiv und holt Artikel aus den frühen Jahren unserer Zeitung ans Licht, jetzt auch für diese Kolumne.

Als sich abzeichnete, dass die Vereinigung in der sowjetischen Besatzungszone und möglichst auch im Viermächte-Berlin eher durchgezogen als diskutiert werden sollte, ging unsere Zeitung in den Kampfmodus.

„Ohne Zweifel“ sei es „für eine unabhängige Tageszeitung ein nicht alltäglicher Schritt“, sich derart klar auf eine Seite zu schlagen, schrieb Erik Reger. Ja, denen „einen gastlichen Platz“ zu gewähren, „die unter der Anmaßung von ,Zentralausschüssen’ leiden, welche durch keinerlei demokratische Willensäußerung bestätigt sind“. (Hier können Sie die Seite aus dem Tagesspiegel-Archiv mit Regers Leitartikel lesen.)

Zeitungsgründer Erik Reger am 26. März 1946

„Unsere Überschriften ,Ein Probefall der Demokratie’, ,Schicksalswochen der Demokratie’, ,Der Kampf um die Freiheit’ weisen immer erneut auf das Grundsätzliche hin. Um dieser Grundsätze willen waren wir verpflichtet, den aufrechten Demokraten unter den Sozialisten, denen in Berlin keine täglich erscheinende Zeitung mehr zur Verfügung stand, nachdem das Parteiorgan sich ihnen verschlossen hatte, die Möglichkeit zu geben, ihre Gesinnungsfreunde zu erreichen, die innerhalb wie außerhalb der Partei gleich zahlreich sind; weil das aber so ist, weil die erdrückende Mehrheit unseres Volkes erkannt hat, welche Gefahren uns drohen, darum hätte das, was die ,Opposition’ in diesen Spalten schreibt, anderenfalls genau so von uns selbst geschrieben werden müssen.“

Allein mit demokratischen Mitteln solle ein Zusammengehen möglich werden. Für die SPD in den westlichen Besatzungszonen mit Kurt Schumacher als prägender Figur hieß dies auch: Erst einmal getrennt bei den anstehenden Wahlen antreten, auch um die Kräfteverhältnisse unter den Parteien und das jeweilige programmatische Potenzial im Wahllokal klären zu lassen.

In Berlin, wo im Oktober die ersten Wahlen nach Diktatur und Krieg anstanden, wirkten jene „aufrechten Demokraten“ um Franz Neumann auf eine Urabstimmung der SPD-Mitgliedschaft hin, die dann am 31. März 1946 nur noch für den Westteil stattfand. Sie hatte ein klares Ergebnis: 82 Prozent gegen eine sofortige Verschmelzung.

Die im Osten führenden Funktionäre Wilhelm Pieck (KPD) und Otto Grotewohl (SPD) hielt das nicht davon ab, auf dem Gründungsparteitag der SED am 21./22. April 1946 im Berliner Admiralspalast die Vereinigung beider Parteien per Händedruck zu besiegeln.

Gleich daneben saß der spätere SED-Parteichef und DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht, der die Verschmelzung nach seiner Rückkehr aus Moskau forciert hatte.

© Deutsche Fotothek‎/CC BY-SA 3.0 DE/https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en/Wikimedia Commons

Bis dahin öffnete der Tagesspiegel seine Seiten jenen Sozialdemokraten, die diesen Weg der Vereinigung nicht gehen wollten. „Wenn ich für diesen Brief die Spalten des ,reaktionären Tagesspiegels’ in Anspruch nehme, wird mir das ganz sicher manches unwillige Stirnrunzeln eintragen.“ So beginnt Karl Germer am 24. März 1946 seinen Beitrag „Ich darf nicht schweigen“ unter der wiederkehrenden Dachzeile „Kampf um die Freiheit“.

© Archiv Friedrich-Ebert-Stiftung, historischer Rechteinhaber nicht ermittelbar

Widerständler erneut in der Opposition

Die Eheleute Maria und Karl Germer hatten mit ihrem Sohn Karl junior laut dem biografischen Lexikon „Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933 bis 1945“ während des Krieges antinazistische Flugblätter in öffentlichen Verkehrsmitteln ausgelegt.

Nun schreibt Karl senior im Tagesspiegel an die Adresse der Vereinigungstreiber: „Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, wir hätten Euch dazu berufen, die Führer der deutschen Arbeiter zu sein. Ihr habt in den letzten zwölf Jahren nichts gelernt, denn sonst würdet Ihr Hitler nicht in so vielen Dingen nachahmen.“

Der langjährige SPD-Verlagsmanager publiziert sein Plädoyer gegen Verschmelzung und neues „Einparteiensystem“ im bürgerlichen Tagesspiegel (hier zu lesen), weil „die ,sozialdemokratische’ Tageszeitung ,Das Volk’ selbst ihrem eigenen Verlagsleiter die Spalten nicht öffnet, wenn er verlangt, der Öffentlichkeit die Wahrheit zu sagen“.

„Kämpft für eine wirkliche Einheit der Arbeiterklasse!“

Für die Tagesspiegel-Redaktion seinerzeit vorn dabei war Klaus-Peter Schulz, selbst mit SPD-Parteibuch ausgestattet und später Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, des Bundestags und des Europaparlaments.

Ebenfalls unter der Dachzeile „Kampf um die Freiheit“ schrieb Schulz am 15. März 1946 (wir zitieren aus dem Archiv stets in damaliger Rechtschreibung; Anm. der Redaktion): „Nicht daß eine solche Verschmelzung betrieben wird, sondern wie sie betrieben wird, und dies von leitenden Persönlichkeiten, die auf Geist und Buchstaben ihres Organisationstatuts genau so festgelegt sind wie jedes einzelne Parteimitglied, das allein ist das Erschütternde und legt dem Beobachter die Frage nahe, ob der Wille zu ehrlicher Demokratie statt in Herzen und Hirnen lebendiger Menschen seinen Platz nur in der Phraseologie der Parteiapparate hat.“

Mehr über den Tagesspiegel in seiner „Gründerzeit“

Lesen Sie jetzt auch:

Auf derselben Seite (hier beispielhaft für viele weitere Tagesspiegel-Seiten) fand sich direkt aus der SPD ein Versammlungsaufruf mit pathosgeladenen Mobilisierungsformeln: „Kämpft für die Urabstimmung! Kämpft gegen die sofortige Verschmelzung! Kämpft für die Demokratie! Kämpft für eine wirkliche Einheit der Arbeiterklasse, die nur die Einheit in ganz Deutschland sein kann!“

Wilhelm Pieck kommt auf dieser Seite auch zu Wort. Allerdings gibt die Überschrift „Versuch einer Rechtfertigung“ die Sicht der Redaktion auf dessen Überzeugungskraft gleich vor.

Den Auftakt zu all dem sieht der Historiker Christoph Marx schon im Leitartikel „Zeit der Entscheidung“ vom 19. Februar 1946. Dort holt Zeitungsgründer Erik Reger wie gewohnt geistesgeschichtlich weit aus („Reaktionär“ Heinrich Heine, Robespierre, eigenes aus der „Vossischen Zeitung“, Ludwig Börne), um pointiert das Prinzip „unabhängig von Parteien, aber nicht parteilos“ darzulegen. Für Marx ist klar, dass diese Kampagne maßgeblich zur „Rettung der Berliner SPD im Westen“ beigetragen hat.

Zeitungsgründer Erik Reger am 19. Februar 1946

„Der ,Tagesspiegel’ ist unabhängig von Parteien, aber nicht parteilos. Seine Partei ist Recht und Gerechtigkeit, ist Wahrheit, Menschlichkeit und Menschenwürde, ist Freiheit, Friede und Völkerversöhnung. Seine Partei ist der Geist einer produktiven Toleranz, die den Kampf nicht scheut und dort ihre Grenze hat, wo die Grundsätze der Demokratie in Frage gestellt sind, sei es durch Gesinnung, Handlung oder Phraseologie.“

Später, in einem Radiovortrag im RIAS, dessen Manuskript im Reger-Nachlass in der Akademie der Künste zu finden ist, befasste sich Erik Reger noch einmal weitergehend mit der „Objektivität der Presse“. Für den Tagesspiegel-Gründer wäre es „eine Korruption der Objektivität, wenn man sie so weit triebe, daß man den offenen und getarnten Feinden der Demokratie Platz gewährte“.

Mehr über den Tagesspiegel in seiner „Gründerzeit“

Lesen Sie jetzt auch:

Klaus-Peter Schulz wechselte übrigens 1971 wegen Willy Brandts Ostpolitik von der SPD zur CDU. 1978 wurde er wegen Misshandlung Schutzbefohlener zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt, in der Berufung auf neun Monate reduziert und zur Bewährung ausgesetzt. Seine Parlamentskarriere war da bereits beendet, auch aus der CDU trat er aus.

In der Tagesspiegel-Berichterstattung über das Gerichtsverfahren wird nicht erwähnt, dass Schulz einst Redakteur unserer Zeitung war.


© Der Tagesspiegel