Im Tagesspiegel vor 80 Jahren: Die SPD wieder aufgebaut |
Gern zitieren ihn die Genossinnen und Genossen bis heute. „Man muss begeistert sein, um große Taten zu vollbringen.“ Diesen Satz von Kurt Schumacher nahm SPD-Fraktionschef Matthias Miersch auf dem letzten Bundesparteitag in seine Rede auf.
Nun wirkt die SPD heute weder wirklich begeistert, noch begeisternd. Aber ihre große Vergangenheit wird sie anderen Parteien immer voraushaben und darauf zurückkommen können. Nicht zuletzt auf die große Tat ihres ersten Nachkriegsvorsitzenden, dessen maßgeblichen Anteil am Wiederauf- und Überleben der Sozialdemokratie in Deutschland.
Der Tagesspiegel begleitete Kurt Schumacher dabei wohlwollend, großflächig, gab ihm Raum für Gastbeiträge, dokumentierte seine Reden und druckte – seinerzeit noch eher selten – ein Interview im Wortlaut.
Markus Hesselmann hat 30 der 80 Jahre Tagesspiegel-Geschichte als Redakteur miterlebt. Er schaut gern ins Archiv und holt Artikel aus den frühen Jahren unserer Zeitung ans Licht, jetzt auch für diese Kolumne.
In diesen Tagen vor 80 Jahren liefen wahre Schumacher-Festspiele (wir zitieren wie immer in damaliger Rechtschreibung): „Sozialismus und Demokratie untrennbar. Dr. Schumacher auf der Funktionärversammlung der SPD“, „Lebensbild Dr. Schumachers“, „Der Standort der deutschen Sozialdemokratie. Programmatische Rede Schumachers in Hannover“, „Anschluß an die Welt. Von Dr. Kurt Schumacher, Hannover“, „Parteivorsitzender Schumacher. Abschluß des Parteitages“.
Tagesspiegel vom 21. April 1946 („Lebensbild“)
„Als Schwerbeschädigter und als Sozialdemokrat kehrte der 23-jährige Kurt Schumacher aus dem Weltkrieg von 1914/18 zurück. Als Sozialdemokrat wirkte er in den Jahren der Weimarer Republik, Sozialdemokrat blieb er in den Konzentrationslagern des ‚Dritten Reiches‘, als führender Sozialdemokrat ist er heute an dem Wiederaufbau der SPD in den drei Westzonen beteiligt. Die Konsequenz und Gradlinigkeit, mit der Dr. Schumacher seinen menschlichen und politischen Weg verfolgte, ließen ihn nach dem Zusammenbruch von 1945 nicht nur für den engeren Kreis seiner Parteifreunde, sondern darüber hinaus für viele ehrlich demokratisch überzeugte Menschen zu einem Mann des Vertrauens werden.“
„Sein leerer Ärmel steckte in der Tasche seines Jacketts, was den Eindruck einer gewissen Hilfsbedürftigkeit hervorrief.“ So beschreibt Annemarie Renger, Sozialdemokratin und spätere Bundestagspräsidentin, in ihren Erinnerungen die erste Begegnung mit Schumacher. „Aber das Gefühl verschwand sofort, als er mit mir sprach. Seine Persönlichkeit nahm mich unmittelbar gefangen.“
Annemarie Renger hatte sich gleich nach dem Krieg bei Schumacher um Mitarbeit beworben. Sie wurde zu seiner Vertrauten und leistete mit ihm gemeinsam Aufbauarbeit für die wiederbelebte SPD. Bei öffentlichen Auftritten stützte sie Schumacher, wie dies auch andere Parteifreunde taten. Bald begann Annemarie Renger eine eigene politische Karriere, die sie als erste Frau bis ins zweithöchste Staatsamt führte.
Trotz schwerer körperlicher Beeinträchtigung – sein rechter Arm war nach einer Kriegsverletzung 1914 amputiert worden, sein linkes Bein dann 1948 auch als Folge jahrelanger KZ-Haft – schuftete Schumacher bis zu seinem Tod 1952 als Redner, Organisator, Programmatiker, Wahlkämpfer, Parteivorsitzender, Oppositionsführer. „Er war ein Vulkan von Kraft und Leidenschaft“, schreibt sein Biograf Peter Merseburger über ihn.
Unsere Zeitung sah vor 80 Jahren im zielstrebig-dynamischen Wirken des angehenden Parteivorsitzenden etwas Beispielhaftes für den Aufbau der Demokratie: prinzipienfest, kommunikativ, gut organisiert, führungsstark, anti-totalitär, sozialistisch, aber strikt parlamentarisch.
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Das konsequent Antitotalitäre entsprach der Haltung des Zeitungsgründers Erik Reger. Schumacher hatte nicht nur gegen die Nazis gekämpft, sondern sich auch gegen die Kommunisten gewandt – nicht zuletzt, als er sich gemeinsam mit dem führenden Berliner Sozialdemokraten Franz Neumann gegen die Zwangsvereinigung mit der KPD zur SED stark machte.
Kurt Schumacher schreibt am 17. April 1946 im Tagesspiegel
„Die Kulturen Europas und Amerikas sind ohne Demokratie nicht denkbar. Jede Form der Diktatur droht die Verbindungen zu den in der ganzen Welt anerkannten und geachteten Ideen zu zerreißen. Jedes Kollektiv ist wie der Nationalsozialismus Entpersönlichung. Für den Europäer ist Sozialismus nur denkbar als ein Versuch der ökonomischen Befreiung der moralischen und politischen Persönlichkeit, nicht als kommandierte Vermassung. Hier gibt es keine ‚Symbiosen‘, keine Orientierungen, keine Angleichungen. Die Ereignisse drücken und formen die Menschen in Deutschland. Jetzt gilt es, aus dem geänderten Sein ein geändertes Bewußtsein zu formen.“
Schumachers Eintreten für mehr Zentralismus und gegen Westbindung auf Kosten deutscher Einheit kam bei Reger allerdings weniger gut an. In der Orientierung zum Westen hin war er dem Christdemokraten Konrad Adenauer näher, der nun auch nach und nach die große politische Bühne betrat. Adenauer wiederum warf der Tagesspiegel-Gründer Nationalismus und Desinteresse an Berlin vor.
„Adenauers Name ist in Deutschland nicht unbekannt“, hieß es am 26. April 1946 in einem ersten größeren Tagesspiegel-Bericht über den späteren Bundeskanzler. Er sei „in Westdeutschland vor allem durch seine Tätigkeit als Oberbürgermeister in Köln ein wichtiger Repräsentant des öffentlichen Lebens“, schrieb unsere Zeitung über den CDU-Politiker.
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Dem ersten Bundeskanzler war Kurt Schumacher nach dessen Niederlage in der ersten Bundestagswahl 1949 ein kritischer, aber konstruktiver Gegenspieler. Ganz im Sinne der neuen bundesdeutschen Demokratie, die er maßgeblich mit aufgebaut hatte.