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Klimaschutz oder Demokratie – ist das ein Gegensatz?

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21.09.2021

Neulich, in einer Talkshow. Es geht um den Klimaschutz und die Bundestagswahl. In der Runde sitzt auch ein renommierter, versierter Journalist. Er sagt, „was den Klimaschutz angeht, werden wir uns irgendwann fragen müssen: kommen wir mit der liberalen Demokratie, so wie wir sie hier in so einer gewissen Lahmarschigkeit betreiben, kommen wir an unsere Grenzen?“. Klimaschutz oder Demokratie – ist das ein Gegensatz?

Tagesspiegel Background Energie & Klima

Greta Thunberg, mit Leidenschaft und Weitblick. Aber auch mit Augenmaß?Foto: Odd Andersen, AFP

Nun werden Prognosen immer aufgrund der vorhandenen Daten zum Zeitpunkt x für einen späteren Zeitraum y erstellt. Was zwischen x und y geschieht und das Ereignis womöglich beeinflusst, weiß niemand. Keine Vorhersage kann Imponderabilien berücksichtigen.

Je knapper die Zeit, desto weitreichender die Forderungen.Foto: Sina Jamal, TSP

Der britische Ökonom Thomas Malthus wies im Jahre 1798 wissenschaftlich nach, dass die Nahrungsmittelproduktion mit der Entwicklung der Weltbevölkerung nicht werde Schritt halten können, weswegen Hungersnöte, Kriege und Epidemien zu befürchten seien. Allerdings ahnte er weder, wie rapide durch technischen Fortschritt die Erträge in der Landwirtschaft gesteigert werden können, noch den schnellen Rückgang der Bevölkerungszahlen in Industrieländern.

Ein Präventivkrieg gegen die Sowjetunion?

Bertrand Russell, den britischen Philosophen, Mathematiker und Logiker, plagte nach dem Zweiten Weltkrieg – unter dem Eindruck der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 – die Angst vor einem atomaren Wettrüsten. Falls die Sowjetunion ebenfalls über diese Waffentechnik verfüge, würde das höchstwahrscheinlich in einem Dritten Weltkrieg enden, der die Menschheit vernichtet. Um dies zu verhindern, müssten die USA notfalls einen Präventivkrieg gegen die Sowjetunion führen. Ein offizieller Kriegsgrund würde sich schon finden lassen, schrieb er in einem Essay mit dem Titel „Towards a Short War with Russia“. Das sei „Humanity’s Last Chance“, wie ein weiterer Artikel hieß.

Das sind extreme Beispiele einer letztlich inhumanen Radikalität, die aus einer human begründeten Sorge entstehen kann. Es wäre unfair, der Klimaschutz-Bewegung derartige Tendenzen zu unterstellen. In der politischen Praxis handeln ihre Mitglieder in aller Regel zutiefst demokratisch. In ihrer Rhetorik indes - dem Verdruss über langsame parlamentarische Prozesse ebenso wie der Forderung nach einer Art Klimaschutz-Militanz – nähren viele von ihnen unfreiwillig das ohnehin verbreitete Unbehagen am Bohren dicker Bretter.

Politiker haben keine andere Wahl, als die Warnungen von Wissenschaftlern ernst zu nehmen und entsprechend zu handeln. Allein auf Innovationen zu hoffen, durch die sich die Katastrophe vielleicht abschwächen lasse, wäre verantwortungslos. Aber Politiker sind nicht nur der Zukunft verpflichtet, sondern auch der Gegenwart. Wenn sie........

© Der Tagesspiegel


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