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Kirche = konservativ = Union: Das stimmt längst nicht mehr

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25.09.2021

Er ist gläubig, ein Katholik und Kanzlerkandidat der Union. Als Armin Laschet vor zwei Wochen in einer ZDF-Sendung von der Moderatorin Bettina Schausten gefragt wurde, wie er zur Ehe für alle stehe, antwortete er: „Ich hätte dafür gestimmt.“ Die Abstimmung im Bundestag war vor vier Jahren, Laschet war damals kein Mitglied des Bundestages, hatte sich in Interviews aber gegen die Ehe für alle ausgesprochen. Deshalb verwunderte seine Antwort.

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Was in der Verwunderung unterging, war die Entschiedenheit, mit der Laschet sich zur Ehe für alle bekannte. Er sandte das Signal aus, dass zwischen einerseits Katholizismus und andererseits liberaler Familienpolitik und Sexualmoral kein Widerspruch bestehen muss. Das Risiko, jene konservativen Katholiken zu verprellen, deren Loyalität zu den Unionsparteien lange Zeit legendär war, ging er bewusst ein. Oder stimmt etwas mit dieser Legende nicht?

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„Augen zu, CDU“, hieß die Devise einst in konservativ-christlichen Kreisen. Bis zur letzten Bundestagswahl 2017 galt: Je höher die Kirchgangshäufigkeit, desto höher die Neigung, für die Union zu stimmen. Das ergab eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung vom September 2020. Sie heißt „Religiosität und Wahlverhalten – eine repräsentative Untersuchung“.

"Von leidenden Kinderaugen erpressen lassen"

Allerdings schwächt sich die Korrelation offenbar in dem Maße ab, wie kirchliche Rituale in der Gesellschaft insgesamt an Bedeutung verlieren. Hinzu kommt: Bei politischen Großthemen wie Klimawandel, Flüchtlinge, menschliche Würde, Kapitalismus gibt es inzwischen ein hohes Maß an Übereinstimmung von offizieller katholischer Lehre mit Positionen, die traditionell eher im linksliberalen Spektrum verortet werden.

Als der ehemalige Arbeitsminister und engagierte Katholik Norbert Blüm, der vor einem Jahr starb, das griechische Flüchtlingslager Idomeni besuchte, sagte er: „Wenn Europa noch etwas mit dem Christentum zu tun hat, dann muss es sich von leidenden Kinderaugen erpressen lassen.“

Das schreibt Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato Si“ aus dem Jahr 2015: „Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil, da er unhaltbar ist, nur in Katastrophen enden kann, wie es bereits periodisch in verschiedenen Regionen geschieht.“ Zwei Jahre zuvor hieß es im Schreiben „Evangelii gaudium“: „Diese Wirtschaft tötet.“........

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