Afrika-Meister nachträglich am Grünen Tisch gekürt: Der Fußball macht sich nur noch lächerlich

Malen wir uns mal ein fiktive Fußballszeario: Es ist der 19. Juli 2026, WM-Finale in New Jersey. In der Präsidentenloge sitzt Donald Trump neben Gianni Infantino und sieht zu, wie Spanien gegen den Überraschungsfinalisten USA in der Verlängerung gewinnt.

Das gefällt ihm gar nicht. Eine Niederlage für die Vereinigten Staaten im 250. Jahr ihrer Gründung? Und das ausgerechnet gegen die kriegsscheuen Spanier, deren pazifistischer Präsident ihn Anfang des Jahres so genervt hatte? Unerträglich. Zum Glück springen da seine Kumpels von der Fifa ein. Der entscheidende Elfmeter wird nachträglich für ungültig erklärt, die USA werden zwei Wochen später am grünen Tisch doch noch Weltmeister.

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Womit wir wieder in der Realität angekommen wären, und zwar in Afrika, wo es nun tatsächlich einen ähnlich absurden Fall gegeben hat. Zwei Monate, nachdem Senegal ein historisch skandalöses Finale in Rabat gewonnen hatte, wurde Gastgeber Marokko nach einer erfolgreichen Klage am Montag offiziell zum Sieger des Afrika-Cups 2025 erklärt.

Es ist eine Entscheidung, die auf der ganzen Welt und gerade in Afrika für Entsetzen sorgt. Schon das Finale wurde als Schande für den afrikanischen Fußball gesehen, das Urteil des Verbands ist nun die ultimative Demütigung. „Das ist weder der Fußball, für den wir kämpfen, noch das Afrika, an das wir glauben“, schrieb Senegals Sadio Mané auf Instagram.

Kit Holden berichtete für den Tagesspiegel vom Afrika-Cup und sieht in der Entscheidung am Grünen Tisch eine Gefahr für den Fußball.

Gleichzeitig wären wir in Europa gut beraten, nicht selbstzufrieden und herablassend über den afrikanischen Fußball zu schmunzeln. Denn die Entscheidung ist auch ein gefährlicher Präzedenzfall. Können wir wirklich so sicher sein, dass so etwas bei einer WM, einer EM oder einem Champions-League-Finale nie passiert?

Um sich so etwas vorzustellen, muss man nicht einmal an Menschen wie Trump und Infantino denken. Der Profifußball ist längst schon ein Raum, in dem sich jeder seine eigene Realität schaffen will.

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Bei Real Madrid sieht man schon seit Jahren in jeder Schiedsrichter-Entscheidung eine Verschwörung. Auch der sonst so staatsmännisch auftretende FC Bayern ist dieser Paranoia am vergangenen Wochenende verfallen.

Schon die Existenz des VAR ist der Beweis dafür, dass das vermeintlich gerechte Ergebnis und die richtige Verteilung der damit verbundenen Gewinne den handelnden Menschen deutlich wichtiger sind als das Spiel an sich.

Auch der Rechtsstreit um den Feuerzeugwurf im Spiel des 1. FC Union gegen den VfL Bochum in der vergangenen Saison zeigt, wie endemisch solche Denkmuster auch hierzulande sind. Wem das Ergebnis auf dem Platz nicht gefällt, der geht im Profifußball eben vor Gericht. Das einst so schöne Spiel macht sich dadurch aber nur noch lächerlich.


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