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Auf Autopilot zum Erfolg

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20.09.2021

John Kornblum war von 1997 bis 2001 US-Botschafter in Deutschland und ist Gründungsmitglied der American Academy in Berlin

Für jemanden wie mich, der seit über 50 Jahren in Deutschland lebt oder arbeitet, sind diese Wochen vor den Bundestagswahlen eher frustrierend als aufregend. Immer wieder zwicke ich mich, um mich daran zu erinnern, dass ich Deutschlands im Autopilot-Modus beobachte, der aber auf Erfolg eingestellt ist.

Immerhin wird dieses mal ein neuer Kanzler oder eine Kanzlerin gewählt - erst das dritte Mal in 40 Jahren. Und für die Unterhaltung sorgt eine linguistische Erfindung, das Triell, das offensichtlich ein Duell zwischen drei statt zwei politischen Gegnern ist.

Aber selbst diese Neuerungen werden nicht verhindern, dass das Siegerteam, wenn es erst einmal im Amt ist, die Politik der Vorgängerregierung in große Zügen fortsetzen wird. Schaut in die Wahlprograme: Angesichts immenser Herausforderungen wie Klimaschutz und Covid-19 versprechen selbst die Grünen nur die Stärkung bereits bekannter Ziele. Und alle Kandidaten haben gleich wenig Interesse an der tumultuösen Welt außerhalb Deutschlands - es bleibt beim Bekenntnis zu Europa und zur Nato sowie bei der obligatorischen Kritik an den USA.

Angela Merkel kennt die Formel. Sie hatte sechzehn Jahre lang Erfolg mit dem einfachen Slogan „Keine Experimente“, den sie sich von Konrad Adenauer abgeschaut hat. Kritik aus dem Ausland an ihrer sogenannten Unbeweglichkeit ging an der Sache vorbei. Merkel hat Deutschland genau dorthin geführt, wo es hinwollte.

Keine Experimente - der Wahlslogan Adenauers funktioniert immer noch

Auch bei dieser Bundestagswahl wird es genauso sein. Bei aller Aufregung in den Medien über die Grünen ist der beliebteste Kandidat für die Nachfolge Merkels ihr Klon, der 63-jährige SPD-Finanzminister Olaf Scholz.

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Verwirrte ausländische Beobachter könnten zu dem Schluss kommen, dass Deutschland stagniert und es bergab geht. Oder dass die Frustration so groß sein muss, dass es jetzt vor kreativen Initiativen nur so explodiert. Es tut mir leid, aber beide Schlüsse sind falsch. Auch 2021 wird die neue Regierung nur sehr begrenzt Veränderungen durchsetzen, in der Innen- wie in der Außenpolitik.

Und warum? Weil die Deutschen sehr davon profitiert haben, was ich dynamische Unbeweglichkeit nenne. Natürlich verändert sich Deutschland, teilweise dramatisch, aber das passiert fast nie am helllichten Tage an der Wahlurne. Eine Gesellschaft, die sich vor 75 Jahren nur knapp der Selbstausrottung entkommen ist, tut sich schwer mit jeder Art von Veränderung.
Daher bedeuten Wahlen in Deutschland nicht Veränderung, sondern sie dienen dazu, Führungspersonen zu wählen, die den Freiraum schaffen für Veränderungen - indem sie den gesellschaftlichen Konsens eher bestätigen als ihn zu ersetzen.

Auch die Jüngeren spüren instinktiv, dass Deutschlands Autopilot erfolgreich ist

Selbst unzufriedene jüngere Generationen werden, nachdem sie etwas Dampf abgelassen haben, instinktiv spüren, dass Deutschlands Autopilot auch ihr Erfolgsgeheimnis ist.

So wie Lenin es einst auf den Punkt brachte: "Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas. Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte."

Lenin lag aber nicht ganz richtig. Deutschland mag übermäßig ordnungsliebend sein, aber es gibt kaum ein Land in Europa, das in den vergangenen 100 Jahren so viele Umbrüche erlebte. Eben nur nicht am Wahltag.
Die Wiedervereinigung ist ein gutes Beispiel dafür. Sie scheint einfach passiert zu sein, ohne Vorwarnung oder Planung. Westdeutsche Politiker versuchten beispielsweise, Ronald Reagans Rede am Brandenburger Tor 1987 mit der Begründung zu verhindern, dass sie zu destabilisierend sei. Der größte Teil des Landes war wirklich überrascht, als zwei Jahre später die Mauer fiel.

Oder wie sieht es mit dem Schicksal von Politikern aus, die wirklich versuchen, den Wandel zu verkaufen? Zum Beispiel die Koalition aus Sozialdemokraten und........

© Der Tagesspiegel


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