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Mit Herz und Ehrgeiz

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31.10.2019

Einen halben Tag lang haben verzweifelte Sozialdemokraten gemeint, sie könnten einen Lichtblick am Horizont ausmachen. Große Erwartungen richteten sich an Franziska Giffey, nachdem die Freie Universität am Mittwochabend erklärt hatte, die Familienministerin dürfe ihren Doktortitel behalten. Doch die Hoffnung, sie währte nur wenige Stunden. Am Donnerstagmittag trat die Berliner Sozialdemokratin vor die Presse und gab bekannt, sie wolle sich nicht um den SPD-Vorsitz bewerben.

Die Vorstellung, Franziska Giffey könnte doch noch im Rennen um die Nachfolge von Andrea Nahles antreten, hat in der SPD politische Energien von einiger Wucht freigesetzt. Bis dahin war die Partei vor allem erschöpft gewesen. Denn die Versprechen der Interimsführung zündeten nicht. Weder hat die Basisentscheidung über die Parteispitze die SPD ungemein belebt, wie behauptet wurde. Noch wird sie die Partei mit sich selbst versöhnen und ihr eine Führung bescheren, die alle akzeptieren.

Vielmehr ahnen viele Genossen allmählich, dass das gepriesene Verfahren die Lage am Ende sogar noch schlimmer machen könnte. Von der schlechten Erfahrung mit der emotionalen Berg- und Talfahrt des Kanzlerkandidaten Martin Schulz, der am Ende auch noch den Parteivorsitz verlor, wollte die kommissarische Parteiführung offenbar nicht lernen. Stattdessen versprach sie wieder eine grundlegende „Erneuerung“. Das klang, als sei die Übergabe der Entscheidung an die Basis ein Heilmittel, an dem die Partei sich gesund trinken könne.

Nun steht die SPD aber mit zwei Kandidatenduos da, die viele Zweifel wecken, aber kaum das große Versprechen der Erneuerung einlösen können. Vizekanzler Olaf Scholz, der seit Jahren zur SPD-Führung gehört und wie kein anderer die große Koalition verkörpert, weckt nicht einmal bei seinen Anhängern Begeisterung. Gefühle zu wecken, gar positive, gehört nicht zu seinen Stärken. Auch Klara Geywitz öffnet mit ihrem grundsoliden Pragmatismus keine Räume für........

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