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Die richtige Rede für diesen Tag

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23.01.2020

Es war wohl keine leichte Aufgabe, kurz vor dem 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz als erstes deutsches Staatsoberhaupt in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel zu sprechen, aber Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat eine menschlich anrührende, der historischen Verantwortung gerecht werdende und sehr gegenwartsbezogene Rede gehalten.

Sie führte Gedanken fort und spitzte sie zu, die Steinmeier schon lange umtreiben. Und sie passte zu dem Land, das er repräsentiert und das auf neue Herausforderungen, neue Bedrohungen und neuen Hass noch nicht so überzeugende, schlüssige und wirksame Antworten gefunden hat, wie sich das die Mehrheit der Deutschen und die Juden in Deutschland wünschen.

Auch deshalb gab der Bundespräsident „vor den Augen der Welt“ ein Versprechen ab: „Wir bekämpfen Antisemitismus! Wir trotzen dem Gift des Nationalismus! Wir schützen jüdisches Leben! Wir stehen an der Seite Israels!“

Es war keine Rede, die wie jene Richard von Weizsäckers am 8. Mai 1985 eine neue, damals für viele anstößige These zum Umgang mit dem Nationalsozialismus in die Welt setzte, wonach der 8. Mai für die Deutschen auch ein Tag der Befreiung war. Deshalb spricht wenig dafür, dass Steinmeiers Auftritt so umstritten und folgenreich sein wird wie Weizsäckers Worte.

Aber seine Rede in Yad Vashem machte sehr deutlich, dass das Lernen aus der Geschichte keinen Endpunkt hat, sondern eine Verpflichtung ist, die weitergeht. Sehr offen und ehrlich hat er vor der Welt geschildert, was in Deutschland schiefläuft, wenn sich Hass und Hetze ausbreiten, jüdische Schulkinder bespuckt werden, antisemitisches, völkisches und autoritäres Denken verbreitet wird.

Es war eine Rede für diesen Tag. Sie schien auch anzukommen vor ihrem internationalen Publikum – und sie wird hoffentlich auch in Deutschland........

© Der Tagesspiegel