We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Europa droht anhaltend hohe Inflation

5 0 0
22.09.2021

Global Challenges ist eine Marke der DvH Medien. Das neue Institut möchte die Diskussion geopolitischer Themen durch Veröffentlichungen anerkannter Experten vorantreiben. Heute ein Beitrag von Günther H. Oettinger, ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg und EU-Kommissar für Haushalt und Personal, Digitale Wirtschaft und Gesellschaft, Energie, heute Präsident der Wirtschafts- und Politikberatung United Europe e.V. in Hamburg. Weitere Autoren und Autorinnen sind Prof. Dr. Ann-Kristin Achleitner, Marcel Fratzscher, Sigmar Gabriel, Prof. Jörg Rocholl PhD, Prof. Dr. Bert Rürup, Prof. Dr. Renate Schubert und Jürgen Trittin.

In vielen Ländern nimmt seit einigen Wochen die öffentliche Debatte über Fragen der Geldwertstabilität kräftig Fahrt auf. Wissenschaftler, Notenbanker, Politiker und Medien streiten über die Frage, ob Inflation in absehbarer Zeit wieder zu einem ernsthaften Problem werden könnte.

Sitzungen der großen Notenbanken werden deshalb mit Spannung verfolgt und ziehen jeweils unterschiedliche Kommentare und Prognosen nach sich. Doch worum geht es eigentlich im Kern?

Vor der Beantwortung dieser Frage empfiehlt sich ein kurzer Rückblick: Die 2007 ausgebrochene weltweite Finanz- und Bankenkrise, gefolgt von einer Staatsschuldenkrise, hat viele Zentralbanken zu einem ebenso entschiedenen wie unkonventionellen Handeln veranlasst. Im Zentrum stehen dabei – neben einer Niedrigzinspolitik – massive Anleihekäufe durch die wichtigen Notenbanken.

Seit neun Jahren ultralockere Geldpolitik

Die Aussage des damaligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hat bis heute enorme Bedeutung: „Within our mandate, the ECB is ready to do whatever is takes to preserve the Euro and believe me, it will be enough”, stellte Draghi im Juli 2012 fest. Sein Versprechen, im Rahmen des EZB-Mandats alles Notwendige zu tun, um den Euro zu erhalten, führte in der Krise zu einer Stabilisierung des Geldwerts und der Volkswirtschaften. Die EZB wollte so Zeit schaffen, damit die Politiker in den Staaten der Währungsunion notwendige Reformen angehen konnten.

Das ist jetzt gut neun Jahre her – doch eine Rückkehr der Geldpolitik in früher gewohnte Verhältnisse ist bisher weder in der Eurozone noch in den USA oder Japan zu beobachten. Verschiedene Krisen im vergangenen Jahrzehnt, politischer Einfluss und seit Anfang 2020 die Corona-Pandemie haben zu einer Verstetigung der ultralockeren Geldpolitik geführt.

In der Eurozone und in anderen Weltregionen war die Inflation in den vergangenen Jahren zwar gering. Oft wurde sogar vor der Gefahr einer möglichen Deflation gewarnt. Inzwischen aber hat sich die Lage erheblich geändert: Nach Angaben des europäischen Statistikamtes Eurostat stiegen die Lebenshaltungskosten in der Eurozone über 2,2 Prozent im Juli auf drei Prozent im August. Auch wenn nicht jeder Anstieg des Preisniveaus Indiz einer Inflation ist, erscheint es bemerkenswert, dass in Deutschland der Preisauftrieb bei fast vier Prozent lag. In den USA, der Türkei, in Russland und Brasilien war und ist dieser Anstieg noch deutlich höher.

Alarmistische Töne in der Inflationsdebatte

Welche Erklärung gibt es dafür und was ist zu tun? Zunächst einmal ist die öffentliche Debatte teilweise geprägt von alarmistischen Tönen – etwa durch Verweise auf die Weimarer Hyperinflationserfahrung Anfang der 1920er-Jahre. Aber auch jenseits solcher Übertreibungen wird die Auseinandersetzung mit harten Bandagen geführt und der jeweiligen Gegenseite zum Teil der Sachverstand abgesprochen. Strittig ist vor allem, ob die Geldentwertung auf zu hohem Niveau nur vorübergehender Natur ist oder ob man sie für längere Zeit befürchten muss.

In diesem Zusammenhang entscheidend ist aus meiner Sicht, dass eine anhaltende, hohe Inflation nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann. Die Wahrscheinlichkeit mag eher gering sein, aber die Gefahr einer solchen Entwicklung besteht durchaus. Wenn man dieses Risiko nicht ausschließen kann,........

© Der Tagesspiegel


Get it on Google Play