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Der nationalistische Kitt bröckelt

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12.06.2019

Erstaunliche Dinge geschehen derzeit in Russland. Putins Innenminister persönlich ist gezwungen, einen Akt polizeilicher Willkür gegen einen Journalisten einzugestehen. Das Verfahren gegen den Reporter Iwan Golunow wurde eingestellt – zwei Generäle der Moskauer Miliz mussten inzwischen den Hut nehmen.

Aktionen gegen missliebige Medienleute hat es in Russland schon oft gegeben. Im Gegensatz zum Fall Golunow ging das für die Betroffenen meist übel aus: Von der Macht beschuldigt und von der Macht verurteilt – das war ein kurzer Weg.

Der Fall Golunow sieht es wie ein Triumph der Zivilgesellschaft über Putins Autoritarismus aus, doch die Dinge sind komplizierter. Der Fall ist zugleich ein Indikator für sehr viel tiefer reichende Prozesse, die sich derzeit in der russischen Gesellschaft abspielen.

Die wurde in den vergangenen Jahren durch eine ultra-nationalistische Allianz zwischen Kreml und Bevölkerung zusammengehalten, die nach der Annexion der Krim, dem Krieg in der Ukraine und den Sanktionen des Westens geschmiedet wurde. Als Kitt funktioniert das inzwischen kaum noch. Nationale Probleme lassen sich nicht mehr durch patriotische Gesänge übertönen. Die Bevölkerung zeigt Unmut: Bei Regionalwahlen fallen vom Kreml bestimmte Gouverneure durch, in Jekaterinenburg protestieren die Einwohner gegen den Neubau einer Kirche – und in Moskau solidarisieren sie sich jetzt mit einem Reporter, der zuletzt über mafiöse Finanzverbindungen zwischen dem Moskauer Chef des Geheimdienstes FSB und den Bestattungsunternehmen der Stadt........

© Der Tagesspiegel