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Ich musste mir meine Stimme erst verdienen

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25.09.2021

2017, kurz vor den Bundestagswahlen war ich auf den Straßen unterwegs, mit einem Mikrofon in der Hand und einer Frage auf den Lippen: „Gehen Sie wählen?” Ich befragte für ein Online Magazin vor allem migrantisch markierte Menschen. Wie dachten sie über die anstehenden Wahlen, fühlten sie sich von der Politik abgeholt? Eine Interviewpartnerin – eine ältere Frau – fragte mich im Laufe des Gesprächs auf Türkisch, ob ich denn wählen gehe.

Ich lachte und lenkte ab. Es ging ja nicht um mich. Die korrekte Antwort wäre gewesen: Nein. Weil ich nicht durfte. Ich berichtete damals zwar über die Wahlen, war aber nicht wahlberechtigt. Ich hatte nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Ich bin in Deutschland geboren, aufgewachsen, zur Schule und Uni gegangen und zahle hier Steuern. Doch die zwingende Voraussetzung, um an der Wahl teilzunehmen ist die Staatsangehörigkeit.

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Etwa zehn Millionen Volljährige dürfen den Angaben des Statistischen Bundesamtes zufolge nicht wählen, obwohl sie in Deutschland leben. Insgesamt machen sie etwa 14 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Das finden viele unfair und handeln. Sanaz Azimipour und Azadeh Atai gehören zu den Initiatorinnen der Kampagne „Nicht ohne uns 14 Prozent” und fordern ein Bundestagswahlrecht für alle in Deutschland lebenden Menschen.

Das Wahlrecht müsse ein demokratisches Grundrecht und kein Privileg sein, sagen sie. In anderen Staaten sei dieses „Selbstbestimmungsrecht” bereits Realität – beispielsweise in Schottland und Wales. Bisher haben etwa 5500 Menschen die Kampagne unterzeichnet.

Es braucht manchmal Zeit zu verstehen, was keine Stimme zu haben überhaupt bedeutet

Ja, eine politische Stimme zu haben, ist ein Privileg. Sich als ein mündiges Individuum mit politischer Entscheidungsmacht zu begreifen, keine Selbstverständlichkeit. Ich erinnere mich, wie ich meiner Großmutter nach der Schule am Küchentisch das Lesen beigebracht habe, während ich selbst Hausaufgaben gemacht und darauf gewartet habe, dass meine Mutter von der Arbeit zurückkehrt und mich abholt.

Ich hatte einen anderen Zugang zu Politik als beispielsweise ein Kind, das nach der Schule zum Klavierunterricht gefahren wird. Dieses Kind kann sich viel eher als Individuum begreifen und politische Forderungen und Meinungen formulieren. Ich hingegen musste vor allem im Kollektiv funktionieren, ein Raum für politische Entfaltung braucht Ressourcen, die ich nicht hatte.

Als........

© Der Tagesspiegel


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