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Warum die deutsch-amerikanische Beziehung besser als ihr Ruf ist

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15.06.2019

Der Witz passt auf viele Lebenslagen. Also auch auf das deutsch-amerikanische Verhältnis. Auf die Frage „Wie ist der Stand der Beziehungen?“ entgegnet der Experte: „Wollen Sie die kurze oder die lange Antwort?“ – „Die kurze.“ – „Die Lage ist schlecht.“ – „Und die lange Antwort?“ – „Die Lage ist gar nicht so schlecht.“ Die zweite Einschätzung will freilich ausführlicher begründet werden. Es kommt eben darauf an, wen man fragt, wann man fragt und wonach man fragt.

Die Deutschen – das ergeben die Umfragen verschiedener außenpolitischer Institutionen – bewerten die Beziehungen zu den USA derzeit als „schlecht“ oder „sehr schlecht“. 73 Prozent sagten das in der Umfrage der Körber-Stiftung im Winter 2018/19. In der Erhebung der Atlantik-Brücke meinten sogar 85 Prozent, das Verhältnis sei „negativ“ oder „sehr negativ“.

Fragt man Amerikaner, entsteht ein anderes Bild. 70 Prozent halten das Verhältnis zu Deutschland in einer parallelen Umfrage des Pew Research Center für gut. Klar, mag man dazu sagen: In den USA hat die Regierung gewechselt und hat sich der Umgang mit Verbündeten verändert. In Deutschland nicht. Folglich verschiebt sich das deutsche Amerikabild, nicht aber das amerikanische Deutschlandbild.
Aber erklärt das auch, welche Schlüsse die Befragten für die Zukunft ziehen? 70 Prozent der Amerikaner wollen die Zusammenarbeit verstärken. Rund die Hälfte der Deutschen spricht sich hingegen für eine stärkere Distanzierung von den USA aus: 57,6 Prozent bei der Umfrage der Atlantik-Brücke, 47 Prozent bei der Körber-Stiftung. 42 Prozent der Deutschen halten China für einen verlässlicheren Partner, nur 23 Prozent umgekehrt die USA.

Beides steht in auffälligem Kontrast zu den Einschätzungen der Regierungen. Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Heiko Maas betonen: „Die USA sind und bleiben der wichtigste Partner für Deutschland außerhalb Europas.“ Müssten Deutsche sich dann nicht gerade jetzt in der Krise um die Rettung der Beziehungen bemühen, statt sich abzuwenden?

Die Regierungen handeln anders, als die Bürger fühlen

In den USA ist das umgekehrte Phänomen zu beobachten. Präsident Donald Trump redet den Partner schlecht. Deutschland gebe zu wenig Geld für Verteidigung aus, sei also ein Trittbrettfahrer. Deutschland mache Energiegeschäfte mit Russland, die die Interessen Verbündeter wie Polen, der Baltischen Staaten und der Ukraine bedrohen. Und Deutschland überschwemme die USA mit Exportwaren, tue aber nichts für den Handelsausgleich.

Gleichwohl wünschen die US-Bürger mehr Kooperation.
Die Umfragen sind Stimmungsbilder. Sie geben nicht Auskunft darüber, wie die Beziehungen und die Zusammenarbeit tatsächlich sind. Sondern darüber, wie die Bürger sie empfinden. Auf diesen Unterschied musste man schon vor Trump achten. Natürlich leidet das aktuelle deutsche USA-Bild unter Trump. Den mögen die meisten Deutschen nicht. Sie halten ihn sogar für gefährlich.

Unter Obama war die Stimmung besser als die Lage

Ein ähnliches Abfärben der Gefühle gegenüber dem Präsidenten auf die Beurteilung der bilateralen Beziehungen konnte man auch früher beobachten, wenn diese Person vielen Deutschen unsympathisch war wie Ronald Reagan oder George W. Bush. Umgekehrt ließ die Wahl eines Sympathen wie Barack Obama zum Präsidenten auch gleich die Bewertung der USA wieder in die Höhe schießen.

Dabei ändert ein Wechsel an der Spitze zunächst gar nicht so viel an der Intensität und an der Verlässlichkeit der Kooperation in einzelnen Sachgebieten von der Wirtschaft über die Sicherheit bis zu Kultur, Wissenschaft und Tourismus. Jedenfalls nicht von heute auf morgen. Denn die Zusammenarbeit hängt in starkem Maß von den nationalen Interessen ab und nicht so sehr von den verständlichen aber wechselhaften Emotionen der Bürger. Mittel- und langfristig hat ein Präsident natürlich Einfluss auf die Freude der Handelnden an der Kooperation und auf ihr Ausmaß.

Das Amerika-Bild der Deutschen ist emotional

Die Deutschen halten sich selbst gerne für nüchterne Beobachter des Geschehens. Die Umfragen zur Sicht auf Amerika widerlegen diese Selbsteinschätzung immer wieder. In keinem anderen Land der Erde haben die Demoskopen einen so markanten Meinungsumschwung in der Bewertung der USA beim Präsidentenwechsel von Bush zu Obama beobachtet wie in der Bundesrepublik.

In seiner jährlichen Umfrage Transatlantic Trends maß der German Marshall Fund (GMF) in Bushs letztem Amtsjahr 2008 in Deutschland zwölf Prozent Zustimmung zur US-Außenpolitik. Im folgenden Jahr, Obama war erst kurz im Amt, schnellte der Wert auf 92 Prozent Zustimmung. Eine Veränderung um 80 Prozentpunkte. In keinem anderen Land war der Meinungsumschwung größer.
Ähnliches wiederholte sich, in umgekehrter Richtung, nach Trumps Wahl. Pew Research maß einen Rückgang des Vertrauens der Deutschen in die US-Politik von 86 Prozent in der letzten........

© Der Tagesspiegel