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Und als nächstes Fan-Proteste wegen Abtreibung, Atomkraft, Krim?

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25.06.2021

Der Sturz vom hohen Ross ist den Deutschen gerade so erspart geblieben. Ein glücklicher später Ausgleich rettete sie vor dem Vorrunden-Aus. Angriff wie Verteidigung machten Fehler. Das gilt nicht nur sportlich sondern auch politisch. Das Unentschieden lässt sich als kalte Dusche nach der Überhöhung des Matchs zu einer Schlacht um den Umgang mit sexuellen Minderheiten lesen.

Öffentlich-rechtliche Nachrichtenmoderator:innen hatten das Zeigen der Regenbogenfarben als Kampf zwischen Gut und Böse intoniert. Die deutsche Nationalmannschaft, so die Erwartung nach dem grandiosen 4:2 gegen Europameister Portugal, werde die Ungarn hinwegfegen und damit den angeblich rückständigen EU-Partnern im Osten ihre sportliche und zugleich moralische Überlegenheit demonstrieren.

Es kam anders. Und das ist gut so. Eine Nachbesprechung, was da nicht so optimal gelaufen ist, tut nicht nur Jogi Löws Team gut. Auch das Festhalten am Grundsatz, politische Fragen aus den Sportstätten herauszuhalten, - wofür die Uefa hart attackiert wurde - verdient einen zweiten, wohlwollenderen Blick, aus mindestens zwei Gründen.

Der Streit stellt Fans gegen Fans, Deutsche gegen Ungarn

Erstens hat die Art, wie der Konflikt ausgetragen wurde, dem Ziel des Sports, Menschen zusammenzuführen, nicht gedient. Der Streit hat Fans gegen Fans, Nation gegen Nation gestellt – also Europa gespalten. Da entstand Bekenntnisdruck auch auf jene, die einfach nur ein Fußballspiel sehen wollten.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban mit Ungarn-Schal in der Puskás Arena in Budapest beim Spiel gegen Portugal.Foto: dpa

Zweitens könnte das Beispiel Schule machen, und zwar ganz anders, als seine Befürworter sich das heute vorstellen: als Einladung zu Retourkutschen an Regierungen, die bei ihren Heimspielen mit Farben, Symbolen und Postern Toleranz einfordern für die von ihnen propagierten Ziele, die im Konflikt mit Haltungen vieler Deutscher stehen.

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Bereits die Berufung auf die gute Absicht ist zweischneidig. Ging es wirklich allein um ein Bekenntnis für etwas, Toleranz, und nicht gleichzeitig um einen Aufruf gegen etwas, die ungarischen Gesetze? Münchens OB Reiter hatte den Antrag, das Olympiastadion in den Regenbogenfarben zu beleuchten, mit dem Hinweis auf die Parlamentsbeschlüsse in Budapest begründet.

Der Aufruf für Toleranz war zugleich eine Anklage

Die Aktion war von Beginn an nicht nur als allgemeiner Aufruf zu Toleranz angelegt, sondern als moralische........

© Der Tagesspiegel


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