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Trump wird abgewählt? Freut euch nicht zu früh!

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01.08.2020

Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der Universität München und Herausgeber der Zeitschrift „Kursbuch“. Dieser Text ist eine überarbeitete Fassung des aktuellen „Montagsblocks“ auf der Webseite des „Kursbuch“.

Ich möchte ein Déjà-vu-Erlebnis schildern: Ich bin am 26. September 2016 zu einer USA-Reise gestartet, auf der ich einige Vorträge gehalten und zwei Universitäten besucht habe.

Ich landete damals am frühen Abend in Boston, früh genug, um von einem sehr freundlichen Mitarbeiter des Goethe-Instituts abgeholt zu werden, direkt in eine gut gefüllte Bar, in der sich vor allem junge Leute aus dem studentischen Milieu, aber auch ältere Universitätsmitarbeiter aufgehalten haben. Es war ein großer Bildschirm aufgebaut, an jenem Abend fand das erste Fernsehduell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump statt. Ich war müde – für meinen Körper war es schon zwei oder drei Uhr nachts. Aber der Abend war elektrisierend.

2016 waren linksliberale Amerikaner sicher, dass Trump sich selbst demontieren und die Wahl verlieren würde

Man hatte sich damals noch nicht an die Sprechweise von Trump gewöhnt. Trump sprach wirr und eigenartig, es war kaum möglich, auch nur ein einziges Argument in seinen Sätzen zu finden. Clinton hingegen hatte alle Argumente auf ihrer Seite und wusste sie darzulegen. Trump beschränkte sich auf die Attacke, er verhaspelte sich, als er danach gefragt wurde, warum er so lange die These verbreitet hatte, Barack Obama sei gar kein Amerikaner, er wiederholte, die Nato sei obsolet, weil sie nicht gegen den Terror kämpfe. Er versuchte, Clinton dafür haftbar zu machen, dass ihr Mann als Präsident das Freihandelsabkommen Nafta unterzeichnet hatte.

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Die Reaktion in der Bar war freilich interessanter als die Diskussion selbst. Denn die Aufmerksamkeit lag vor allem auf den Sätzen des republikanischen Kandidaten. Je absurder die Sätze von Trump waren, desto lockerer wurde die Atmosphäre in der Bar, desto entspannter die Besucher. Die Stimmung lässt sich in dem Satz zusammenfassen: Die Sache ist gelaufen.

Trumps Angriffe auf Hillary Clinton waren so unverschämt, dass sie kaum darauf antworten konnte

Jetzt zu behaupten, ich hätte es schon damals gewusst, wäre etwas übertrieben – aber ich erinnere mich, dass ich öfter nachgefragt habe, wie dieser Trump denn wohl in den Milieus außerhalb der linksliberalen, von Universitätsakademikern bevölkerten Bar in Massachusetts ankommen würde. Das wurde als ein merkwürdiger Defätismus eines Gastes aus Good Old Europe belächelt.

Wird er Donald Trump als US-Präsidenten ablösen? Ungewiss, meint Soziologe Armin Nassehi.Foto: REUTERS/Jonathan Ernst

Ich habe auf dieser Reise noch viele Menschen befragt: Kein einziges Mal habe ich jemanden getroffen, der nicht sicher war, dass Trump sich mit dieser ersten Fernsehdebatte eigentlich schon selbst aus dem Rennen genommen hatte. Was damals jedenfalls aufgefallen ist, war das kommunikative Dilemma, in dem Hillary Clinton steckte. Trumps „Argumente“ waren so offenkundig unsinnig, dass sie für Kommunikation nur schwer anschlussfähig waren. Und die Angriffe auf die Person Clintons waren so offenkundig strategisch und unverschämt, dass ihre Widerlegung nur als Bestätigung der Diskussionswürdigkeit der Sache aufgefasst werden konnte.

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