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Die Denkfehler der Bargeldmuffel von der BVG

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23.07.2021

Es wurde nebenbei angekündigt, und vielleicht blieb deshalb die große Empörung aus. Oder vielleicht interessiert es auch niemanden. Dabei geht es um etwas Grundsätzliches.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) erlauben den Gästen ihrer Busse wieder, vorne bei den Fahrern einzusteigen. Das war während der vergangenen Coronamonate verboten. Da ging Einstieg immer nur hinten, die Fahrerkabinen waren durch Folien abgeschirmt vom mitreisenden Infektionsgeschehen. Ebenfalls nicht möglich war das Fahrscheinkaufen im Bus. Auch das ist jetzt wieder erlaubt, aber – hoppla – nicht mehr gegen Bargeld. Entweder zahlt man mit Bankkarte oder per Smartphone.

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Die Neuerung, die als Pilotprojekt geframt ist, solle der Gesundheitssicherung dienen, verkündete die BVG, die neue Unbar-Zahlautomaten auch in ihren Trams montiert. Außerdem soll der Verzicht auf Bares den Busverkehr pünktlicher machen, schließlich sei bargeldloses Zahlen schneller. Dass diese Rechnung kaum aufgeht, werden alle ahnen, die je in einer Supermarktschlange standen, die immer länger wurde, weil Karten oder Apps nicht funktionierten.

Die Rechnung, die viel eher aufgeht, ist BVG-intern. Bargeldverwaltung ist unrentabel. Besonders bei Verkehrsbetrieben sei das Verhältnis von Umsatz zu Kosten „ein ernst zu nehmendes Problem, weiß etwa BWL-Professor Hartmut Walz, Mitglied der Bürgerbewegung Finanzwende und Bargeld-Fan. Pro Bus eine Kasse, pro Kasse viel Kleingeld, das ist ein täglicher Aufwand, den sich Verkehrsbetriebe gern sparen würden. Ein verständlicher Wunsch, der aber unerfüllt bleiben sollte.

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Öffentliche Verkehrsmittel müssen für alle benutzbar sein. Es haben aber nicht alle eine Bankkarte, schon gar nicht haben alle ein Smartphone. Das mag Menschen, die inzwischen ihr gesamtes Arbeit- und Privatleben in dem Gerät mit sich herumtragen, unbegreiflich sein. Es ist aber Fakt. Die BVG-Entscheidung hat also eine gravierende soziale Tangente. Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB kann entsprechend umstandslos losschäumen über „diese Kaltschnäuzigkeit“. Da würden systematisch Menschen ausgegrenzt, sagt er, und verweist auch auf jene, für die technischen Systeme rein intellektuell eine Hürde darstellen.

Juristisch sei zu klären, ob die BVG Bargeld überhaupt ablehnen darf, sagt er

Wieseke hat völlig recht. Schon allein deshalb ist es sehr befremdlich, dass das Unternehmen, das zu 100 Prozent im öffentlichen Besitz ist, eine solche Entscheidungen offenbar eigenmächtig treffen konnte. Das........

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