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Um die Einhörner kümmern wir uns später

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08.03.2019

Wenn Annegret Kramp-Karrenbauer darüber spricht, wie Frauen besser die Chancen der digitalen Revolution ergreifen können, erzählt sie gerne die Geschichte über den Unterricht einer Lehrerin zum Thema Pumpen. Wenn sie, die Lehrerin, über Ölförderung spreche, gewinne sie die Aufmerksamkeit der Jungen in der Klasse. Wenn sie Pumpen aber über das menschliche Herz erkläre, die Aufmerksamkeit der Mädchen. Durch diese besonders empathisch und emotionale Ansprache könnten mehr Mädchen und Frauen dazu gebracht werden, MINT-Fächer zu studieren sowie technische Berufe zu ergreifen - und so das digitale Zeitalter nach ihren Bedürfnissen und Ansprüchen mitzugestalten. Auch die Schlussfolgerung der CDU-Chefin lautet: Wenn man Mädchen und Frauen sagt "Verbessert die Welt!", kann man sie sogar zum Programmieren bringen.

Muss die Welt weiblicher werden?

In dieser Anekdote steckt eine Grundfrage, mit der die Gleichstellungspolitik seit jeher hadert: Muss die Welt „weiblicher“ werden, damit Frauen in ihr bestehen können? Oder müssen Frauen zu mehr „Männlichkeit“ erzogen werden, damit sie sich in der Welt, wie sie nun einmal ist, durchsetzen können? Und ist diese Frage nicht in sich schon sexistisch, weil sie unterstellt, Mädchen seien eher gefühlsgesteuert – während Jungen eher kopfgesteuert seien? Weil sie unterstellt, es gebe überhaupt eine männliche und eine weibliche Variante der Welt und einen tatsächlichen, substanziellen Unterschied zwischen Mann und Frau?

Am ersten Frauentag, der in Berlin ein Feiertag ist, ist das Thema der Gleichstellung mit einiger Wucht zurück auf dem politischen Parkett. Das Frauentagsgefühl – jawohl, Gefühl! - des Jahres 2019 ist das einer seltsamen Ambiguität, eines von Stagnation und Triumph gleichzeitig. Die Debatte darum, ob dieser Tag wirklich nötig und der richtige ist, reichte von „brauchen wir, wir haben noch einen langen Weg vor uns“ über „ja, schließlich gibt’s was zu feiern“ bis zum „überzogen und unnötig“ der „Genderwahn-Nörgler“.

Tagesspiegel Morgenlage

Überblick von Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff über die Themen des Tages aus Politik und Wirtschaft

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Wären wir mit einer anderen Politik weiter?

Es ist ein Dazwischen-Gefühl, das auch viel mit Annegret Kramp-Karrenbauer zu tun hat: Auf die erste Kanzlerin der Bundesrepublik könnte die zweite Kanzlerin der Bundesrepublik folgen. Begleitet aber wird dieser Machtwechsel von einem Aufbegehren der Retro-Männer. Mit viel Pomp beging das Land soeben 100 Jahre Frauenwahlrecht, gleichzeitig ist die Zahl der Frauen im Bundestag wieder gesunken; es wird über Paritätsgesetze diskutiert. Auf eine Ostfrau könnte eine Westfrau an der Spitze der Republik folgen – und 30 Jahre nach dem Mauerfall blickt der Westen auch selbstkritisch auf die eigene Emanzipationsgeschichte im Vergleich zum Osten Deutschlands, wo bis heute die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen geringer sind, ebenso wie der Anteil der Frauen, die in Teilzeit arbeiten.

Die Bundesrepublik muss sich fragen: Könnten wir nicht weiter sein, wenn wir eine andere Politik gemacht hätten? Und warum........

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