We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Ja, wir brauchen mehr Drama

7 0 0
04.05.2019

Die Stadt Konstanz hat in dieser Woche den „Klimanotstand“ ausgerufen, das britische Unterhaus auch. In beiden Fällen handelt es sich um Resolutionen, die von Klimaschutzgruppen eingebracht und von der Politik aufgegriffen wurden: In Konstanz steht dahinter eine lokale Fridays-for-Future-Gruppe, in Großbritannien die Klimaschutzinitiative „Extinction Rebellion“. Am Freitag startete "Extinction Rebellion" auch in Deutschland eine Online-Petition, in der sie den Bundestag aufruft, den „Klimanotstand“ zu erklären, am Montag startet eine ähnliche Initiative für Berlin. Es geht dabei nicht um das Ausrufen eines formalen Notstands, der Mechanismen in den Sicherheitsbehörden auslöst. Vielmehr ist der „Notstand“ zu einem politischen Begriff geworden. Ist das zulässig? Wieviel Drama darf es sein? Wieviel Drama muss es sein?

Bei keinem anderen Thema klafft die Intensität der Erregungszustände – und in der Folge das verwendete Vokabular – derart auseinander wie beim Thema Klimaschutz. Gut zu beobachten war das zum Beispiel in der aktuellen Sendung von „Maybrit Illner“ am Donnerstag. Die Ozeanforscherin Antje Boetius sprach von einer „Katastrophe“ und forderte „Rettung“. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sagte, eine CO2-Steuer dürfe „nicht über das Knie gebrochen werden“ und technokratisierte seelenruhig über Entlastungen bei der EEG-Umlage.

Tagesspiegel Background Energie & Klima

Kohleausstieg, Klimawandel, Sektorkopplung: Das Briefing für den Energie- und Klimasektor. Für Entscheider & Experten aus Wirtschaft, Politik, Verbänden, Wissenschaft und NGO.

Jetzt kostenlos testen!

Klimaschutzaktivisten wollen mit den "Notstandsresolutionen" der Politik ihre Sprache aufzwingen

Nun wollen die Klimaschutzaktivisten der Politik ihre Sprache und damit ihren Erregungszustand per Petition aufzwingen. Die Dramatik der Sprache wird zum politischen Instrument – und das macht Sinn. Denn die Art, wie über ein Ereignis gesprochen wird, bestimmt, als wie groß der Handlungsbedarf wahrgenommen wird. Und je größer der gefühlte Handlungsbedarf, desto größer die Akzeptanz einschneidender Maßnahmen. Dramen erzeugen politische Spielräume.

In der Berliner Politik herrscht allerdings die umgekehrte Logik vor. Es geht eine regelrechte Angst vor dem Drama um – dahinter steckt die nackte politische Überlebungsangst.........

© Der Tagesspiegel