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Die falsche Sehnsucht nach Beständigkeit

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18.04.2019

Menschen haben vor Notre-Dame Blumen niedergelegtFoto: AFP

Der Brand der Kathedrale Notre-Dame hat die Menschen berührt. Dafür gibt es viele Erklärungen: Notre-Dame ist das Wahrzeichen der Stadt, Ort der französischen Geschichte und Teil des Alltags vieler Pariser. Touristen wie Franzosen verbinden damit Erinnerungen an Erhabenheitsgefühle, vielleicht auch Freiheit: Damals, das erste Mal in Paris.

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In der Trauer um Notre-Dame spiegelt sich aber womöglich auch das Hadern mit der ewigen Veränderung, mit dem Progressiven. Der Brand am Montag wirft die Frage auf: Wie ewig ist die Kunst? Wie haltbar die Welt? Notre-Dame wirkte wie ein Gegenbild zum Fortschritt. Die monumentale Kathedrale, umspült vom Fluss, ist ein beinahe kitschiges Sinnbild für Beständigkeit. Ist das zu einfach, zu theaterhaft, um wirklich etwas zu erklären? Zumindest regte Notre-Dame offenbar schon immer Menschen zu ähnlichen Empfindungen an. Zum Beispiel Victor Hugo. Es lohnt sich, das noch einmal nachzulesen. Hugo fasst das, was wohl viele in dieser Woche empfunden haben, in seine mächtige Sprache und lässt es so klarer erscheinen – ich bin eher zufällig darauf gestoßen, als ich am Dienstag nach der Brandnacht in einem nostalgischen Reflex meine Ausgabe des „Glöckner von Notre-Dame“ aus dem Bücherregal gesucht habe.

Die Haltung der Kirche zur Welt war aus Hugos Sicht in den Stein eingeschrieben

Der Roman von 1831 heißt im Französischen schlicht „Notre-Dame de Paris“. Die Kathedrale ist einerseits Schauplatz der (Nicht-)Beziehung von gleich vier Männern zu Esmeralda (des fiktiven Erzählers, also des Dichter Pierre Gringoire, des buckligen Glöckners Quasimodo, des Archidiakons Claude Frollo und des Hauptmann Phoebus). Sie wird bei Hugo aber auch zur Reflexionsfläche über das Verhältnis von Beständigem und Veränderung. Seine Gedanken dazu leitet er mit einer Romanszene ein: Im ersten Kapitel des fünften Buches bekommt der Archidiakon Frollo Besuch von dem ihm bekannten Leibarzt Ludwigs XI und einem Unbekannten, der sich später als der König höchstselbst zu erkennen gibt. Das Gespräch kommt irgendwann auf die Macht der Bücher – die Erzählzeit liegt Ende des 15. Jahrhunderts, also kurz nach Erfindung des Buchdrucks. Der Archidiakon legt eine Hand auf ein geöffnetes Buch, weist mit der anderen aus dem Fenster auf die Silhouette von Notre-Dame und sagt: „Ceci tuera cela – Dieses hier wird das dort zerstören.“ Das Buch wird die Kathedrale zerstören.

Im darauffolgenden Kapitel........

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