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Eine deutsche Selbstbetrugsaffäre

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21.06.2021

Der 25. Juni 2020 wird ein besonderes Datum in der deutschen Wirtschaftsgeschichte bleiben. An dem Tag vermeldete der Zahlungsdienstleister Wirecard die Insolvenz. Das deutsche Vorzeigeunternehmen, der globale Digitalisierungs-Star, die Börsenrakete – alle Superlative fielen in sich zusammen. Schnell war klar, dass es hier um eine grandiose Betrugsaffäre ging. Und dass diese ohne Versagen oder Wegschauen in der Justiz, bei Aufsichtsbehörden und auch in der Politik nicht möglich gewesen wäre. Die Opposition im Bundestag brachte einen Untersuchungsausschuss auf den Weg. Er war eine parlamentarische Sternstunde dieser Wahlperiode.

Ein Jahr nach der Pleite liegt nun der Abschlussbericht vor, am Freitag debattiert der Bundestag darüber. Dass die Arbeit des Ausschusses in der Politik keinerlei personelle Konsequenzen hatte, kann man als Indiz für übertriebene Erwartungen werten. Immerhin rummste es in den nachgeordneten Ebenen, nicht zuletzt die Spitze der Bafin, der Finanzmarktaufsicht, musste gehen.
Der eigentliche Wert des Ausschusses aber liegt darin, dass in vielen Befragungen von Zeugen eine Art Sittenbild unserer Tage entstanden ist. Ohne den Digitalisierungs-Hype, ohne die Illusion von der schönen, neuen Welt, die uns nach dem globalen Umbau der Wirtschaft erwartet, ohne die Träume von schnellem und dauerhaftem Reichtum an der Börse hätte es die Wirecard-Posse nicht gegeben.

Wo war die Skepsis?

Denn was in Justiz, Verwaltung und Politik (auch bei Anlegern) erkennbar fehlte, war das nötige Maß an Skepsis und Kritikfähigkeit, um auf all die Hinweise zu reagieren, die jahrelang nahelegten, bei Wirecard zumindest mal etwas näher hinzuschauen. Es hat sich im Verlauf der Ausschussarbeit immer mehr der Eindruck aufgedrängt, dass man genau dies auch gar nicht wollte. In der Justiz nicht,........

© Der Tagesspiegel


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