Jedes Jahr führt die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (Sake) eine Personenbefragung durch. Hauptziel ist laut Website des Bundesamts für Statistik die «Erfassung der Erwerbsstruktur und des Erwerbsverhaltens der ständigen Wohnbevölkerung». Dieses Jahr erhielt auch ich einen Fragebogen. Gewissenhaft rief ich ihn auf. Doch schon bei der ersten Frage geriet ich ins Grübeln.

«Haben Sie in der letzten Woche mindestens eine Stunde gegen Bezahlung gearbeitet – egal ob angestellt, selbstständig oder als Lehrling?» Um die Frage zu beantworten, müsste ich zuerst wissen, was «arbeiten» genau beinhaltet. Wikipedia hilft mir weiter. Arbeit im philosophischen Sinn erfasst «alle Prozesse der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen». In der Betriebswirtschaftslehre ist Arbeit «jede plan- und zweckmässige Betätigung einer Person in körperlicher und geistiger Form, die dazu dient, Güter oder Dienstleistungen in einem Betrieb zu produzieren».

Sehr planerisch gehe ich beim Schreiben nicht vor, ich lasse mich von meinen Figuren leiten. Aber da ich mich schöpferisch mit Menschen auseinandersetze, kann mein Schreiben durchaus als Arbeit gelten, obwohl ich mich dabei, wenn ich ganz ehrlich bin, eigentlich erhole. Aber «gegen Bezahlung»? Geld fliesst nur, wenn ein Buch auf den Markt kommt und sich dann verkauft. Manche Bücher, die ich geschrieben habe, liegen noch heute unveröffentlicht in der Schublade. Andere haben sich schlecht verkauft. Ich entschied mich trotzdem für die optimistische Antwort und kreuzte «Ja» an.

Sind Recherchereisen Ferien? Und was ist mit Wartezeiten?

Als Nächstes fragte die Sake, ob meine Tätigkeit befristet sei. Ich dachte daran, dass immer weniger Bücher gelesen werden. Trotz Booktok – Buchempfehlungen über Tiktok – nimmt die Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen ab. Vielen fällt es schwer, sich länger als zehn Minuten auf einen Text einzulassen. Aber ich schreibe zurzeit auch an einem Drehbuch, und Filme wird es vermutlich noch eine ganze Weile geben. Also kreuzte ich «Nein» an.

Die weiteren Fragen sind nicht einfacher. Die Sake will wissen, zu welchen Tageszeiten ich üblicherweise arbeite. An welchen Wochentagen. Wie lange. Wie viele verschiedene Arbeitsstellen ich in der letzten Woche hatte, wie viele Arbeitgebende.

Ich schreibe zurzeit für drei verschiedene Verlage, zwei Zeitungen und das Fernsehen. Manchmal zwei Stunden pro Tag, manchmal fünfzehn. Meine Auftritte finden in Schulen, Buchhandlungen und an Festivals statt. Morgens, nachmittags, abends. Manchmal rechne ich selbst ab, manchmal bekomme ich einen Lohnausweis.

«Wie viele Stunden pro Woche würden Sie gern arbeiten?» Das kommt auf die Tätigkeit an. Schreiben? Korrigieren? Auftritte? Administration? Marketing? «Wie viele Ferienwochen pro Jahr beziehen Sie üblicherweise?» Sind Recherchereisen Ferien? Und was ist mit Wartezeiten? Es kam schon vor, dass ich ein Lektorat fix eingeplant habe, das Manuskript dann aber nicht zurückkam.

«Bitte schätzen Sie Ihr monatliches Erwerbseinkommen.» Auch das noch. Mein Einkommen hängt grösstenteils vom Erfolg eines Buches ab. Nicht nur wegen der Tantiemen. Kommt ein Buch nicht gut an, werde ich nicht für Lesungen engagiert. Der Erfolg eines Buches wiederum hängt einerseits von der Qualität des Textes und den Marketingmassnahmen ab, andererseits von Faktoren, die ich weder beeinflussen noch vorhersagen kann, wie zum Beispiel persönlicher Geschmack oder Vorlieben der Leserschaft.

Inzwischen bin ich gestresst. Ich versuche, mich daran zu erinnern, was ich weiter oben angekreuzt habe und ob die Antworten übereinstimmen. Wähle immer häufiger «kann ich nicht beantworten» und fühle mich irgendwie schuldig deswegen. Meine Antworten tragen überhaupt nicht dazu bei, mehr über die Erwerbsstruktur oder das Erwerbsverhalten der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz zu erfahren. Mir wird deutlich vor Augen geführt, dass ich beruflich in kein Schema passe.

Vielleicht ist Schreiben doch keine Arbeit.

Wenigstens diese Frage klärt sich am Schluss. Zum Dank für mein Mitwirken erhalte ich… einen Büchergutschein.

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QOSHE - Ist Schreiben Arbeit? - Petra Ivanov
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Ist Schreiben Arbeit?

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05.09.2023

Jedes Jahr führt die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (Sake) eine Personenbefragung durch. Hauptziel ist laut Website des Bundesamts für Statistik die «Erfassung der Erwerbsstruktur und des Erwerbsverhaltens der ständigen Wohnbevölkerung». Dieses Jahr erhielt auch ich einen Fragebogen. Gewissenhaft rief ich ihn auf. Doch schon bei der ersten Frage geriet ich ins Grübeln.

«Haben Sie in der letzten Woche mindestens eine Stunde gegen Bezahlung gearbeitet – egal ob angestellt, selbstständig oder als Lehrling?» Um die Frage zu beantworten, müsste ich zuerst wissen, was «arbeiten» genau beinhaltet. Wikipedia hilft mir weiter. Arbeit im philosophischen Sinn erfasst «alle Prozesse der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen». In der Betriebswirtschaftslehre ist Arbeit «jede plan- und zweckmässige Betätigung einer Person in körperlicher und geistiger Form, die dazu dient, Güter oder Dienstleistungen in einem Betrieb zu produzieren».

Sehr planerisch gehe ich beim Schreiben nicht vor, ich lasse mich von........

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