Über das Gendern ist schon viel geschrieben worden. Die Debatte ist emotional, häufig geht es dabei um weit mehr als um eine geschlechtersensible Sprache. Unterschiedliche Werte und Gesellschaftsvorstellungen prallen aufeinander. Für manche ist der geschlechterbewusste Sprachgebrauch ein Ausdruck von Gleichbehandlung aller Geschlechter und Identitäten. Für andere eine Verhunzung der Sprache. Wieder andere wissen nicht so recht, was sie davon halten sollen.

Als Schriftstellerin komme ich nicht darum herum, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich habe eine klare Meinung: Gesellschaftliche Verhältnisse spiegeln sich in der Sprache. Und umgekehrt schafft Sprache Wirklichkeit. Gleichbehandlung und Inklusion sind mir wichtig. Also ist mir Gendern wichtig.

Wie sieht das in der Praxis aus? In einem Krimi? Egal, ob Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich, Schrägstrich – Sonderzeichen passen nicht in einen Roman. Sie stören den Lesefluss. Deshalb eiere ich herum. Suche nach neutralen Bezeichnungen, wenn es geht. Kein Problem bei «Leiche» oder «Opfer». Aber was ist mit «Mörder»? Hier stecke ich fest. Ich mache mich auf die Suche nach einer Lösung.

Das Genderwörterbuch gibt «mordende Person» oder «einen Mord begehende Person» als Alternativen an. Viel zu schwerfällig für meinen Geschmack. Eine Genderseite im Internet schlägt «die Mordenden» vor. Im Krimi, an dem ich gerade arbeite, ist es leider bloss eine einzige Person, die mordet. Abwechseln? Einmal eine männliche Form verwenden, ein anderes Mal eine weibliche? Nicht neutral. Aber besser als das generische Maskulinum. Andererseits, viele Männer fühlen sich nicht angesprochen, wenn ich von einer «Mörderin» schreibe. Umgekehrt ginge es. In einem Krimi, den ich kürzlich gelesen habe, hat sich eine Frau selbst als «Mörder» bezeichnet. Worüber ich wiederum gestolpert bin.

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Die Recherchen führen mich zu Polizeiseiten und dem Begriff «Täterschaft». Ein hässliches Wort, aber vielleicht … nein. «Täterschaft» ist eine Ableitung von «Täter». Zurück auf Feld eins. Auf der Homepage von Europol stosse ich auf «Europe’s most wanted fugitives». Ich klicke bei Sprachen auf Deutsch, bin gespannt, welche Übersetzung Europol für «fugitives» wählt. Die Steckbriefe erscheinen auf Deutsch, der Titel nicht. Offenbar hat Europol keine gendergerechte Lösung für «Verbrecher» gefunden. Dafür fällt mir etwas anderes auf. Von den 46 Personen, die gesucht werden, sind 44 Männer. Wenn Sprache die Wirklichkeit spiegelt, liege ich mit «Mörder» vielleicht gar nicht so falsch.

Inzwischen fehlt mir die Distanz zu meinem Text. Deshalb schalte ich die Vorlesefunktion ein. Oft bringt es mich auf neue Ideen, wenn ich das Geschriebene höre. Leider klappt diese Word-Funktion auf dem Mac nicht so gut. Die Stimme macht keine Pausen vor Anführungszeichen, Dialoge wirken dadurch seltsam gehetzt. Manchmal wechselt das Programm sogar mitten im Satz ins Englische oder umgekehrt. Das deutsche Wort «Bad» verwandelt sich in das englische «bad», aus «Cloud-Daten» werden «Klo-Daten».

Zuerst bin ich irritiert. Dann lasse ich mich auf diese neue Version meines Krimis ein. Die Hauptfigur versteckt sich also nicht im Bad, sondern im «bad». Im Bösen? Kann man sich im Bösen verstecken? Eine interessante Vorstellung. «Cloud-Daten» als «Klo-Daten» zu bezeichnen, ist gar nicht so weit hergeholt. Immerhin verschwinden Daten manchmal per Knopfdruck beziehungsweise von Hackerhand. Als Word auch noch mein Problem mit dem Gendern zu lösen versucht, verwandelt sich meine anfängliche Irritation in Begeisterung.

«Seht her!», ruft meine mordende Figur. Bei «her» wechselt Word ins Englische. Ich übersetze. «Seht sie!» Das Programm macht also auf eine Frau aufmerksam. Eine Seite später sorgt es für den Ausgleich. «Man konnte sich fast alles kaufen», steht da. Diesmal wechselt Word beim Wort «man» ins Englische. Und schon ist es ein Mann, der sich fast alles kaufen kann. Als die «IT-Branche» zur «it-Branche», also «Es-Branche» wird, frage ich mich, wer diese Software programmiert hat. Steckt vielleicht Absicht hinter den sogenannten Fehlern? Wollte da jemand ganz subtil Denkmuster auflösen?

Die Ernüchterung folgt, als ich das Korrekturprogramm einschalte. Die Wörter, die Word nicht kennt, werden rot unterstrichen. Allen voran: «Gendern».

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QOSHE - Gendern im Krimi? - Petra Ivanov
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Gendern im Krimi?

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26.09.2023

Über das Gendern ist schon viel geschrieben worden. Die Debatte ist emotional, häufig geht es dabei um weit mehr als um eine geschlechtersensible Sprache. Unterschiedliche Werte und Gesellschaftsvorstellungen prallen aufeinander. Für manche ist der geschlechterbewusste Sprachgebrauch ein Ausdruck von Gleichbehandlung aller Geschlechter und Identitäten. Für andere eine Verhunzung der Sprache. Wieder andere wissen nicht so recht, was sie davon halten sollen.

Als Schriftstellerin komme ich nicht darum herum, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich habe eine klare Meinung: Gesellschaftliche Verhältnisse spiegeln sich in der Sprache. Und umgekehrt schafft Sprache Wirklichkeit. Gleichbehandlung und Inklusion sind mir wichtig. Also ist mir Gendern wichtig.

Wie sieht das in der Praxis aus? In einem Krimi? Egal, ob Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich, Schrägstrich – Sonderzeichen passen nicht in einen Roman. Sie stören den Lesefluss. Deshalb eiere ich herum. Suche nach neutralen Bezeichnungen, wenn es geht. Kein Problem bei «Leiche» oder «Opfer». Aber was ist mit «Mörder»? Hier stecke........

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