Die Chinesen, das sagte Mao Zedong einmal, seien «wie ein weisses Blatt Papier, auf das sich die schönsten Zeichen schreiben» liessen. Willenlose Untertanen, dem Herrscher ausgeliefert, der aus ihnen dann den «neuen Menschen» formt.

Bei allen Unterschieden zwischen dem Kontrollfreak Xi Jinping und dem ewigen Rebellen Mao, der das Chaos liebte, wenn es seiner Macht diente: Hier treffen sich die beiden in ihrem Menschenbild. Auch Xi Jinping hat den Untertanen die «Vereinheitlichung des Denkens» verordnet, auch seine Propaganda zeichnet das Volk als selig im Charisma des Herrschers schwelgend und ihm bis ans Ende der Tage zujubelnd.

Viele Leute sind frustriert und zornig – und sie scheuen sich nicht länger, den Zorn auf die Strasse zu tragen.

Wer die chinesische Gesellschaft kennt, der weiss, dass das seit jeher Unsinn ist. Für alle anderen strafen die Proteste nun die KP-Propaganda endgültig Lügen: Viele Leute sind frustriert und zornig – und sie scheuen sich nicht länger, den Zorn auf die Strasse zu tragen. Dass dies gleichzeitig in Städten überall in China geschieht und dass dabei gar Rufe nach dem Sturz der KP und Xi Jinpings zu hören sind, liess viele die Luft anhalten: So hat man das zuletzt im Frühjahr 1989 erlebt, auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking.

Nein, es ist noch viel zu früh, den Protesten im Moment eine ähnliche Karriere wie 1989 vorherzusagen. Die Partei hat die Diktatur digital neu erfunden, sie ist ein übermächtiger Gegner. Sicher ist: Sie wird sich erneut diejenigen schnappen, die sie als Rädelsführer identifiziert, die Mutigen, die das Wort führen. Vielleicht wird die Bewegung, die noch gar keine ist, sich dann bald verlaufen. Andernfalls wird die Polizei vielleicht auch härter zuschlagen.

Eines aber werden sie nicht rückgängig machen: dass die Welt für einen Augenblick zusieht, wie sehr es brodelt im Reich der KP. Und dass Chinas zunehmend klarsichtige Jugend ausgerechnet das zum Symbol ihres Protests gemacht hat: das weisse Blatt Papier.

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QOSHE - Moment der Wahrheit - Kai Stittmatter
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Moment der Wahrheit

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27.11.2022

Die Chinesen, das sagte Mao Zedong einmal, seien «wie ein weisses Blatt Papier, auf das sich die schönsten Zeichen schreiben» liessen. Willenlose Untertanen, dem Herrscher ausgeliefert, der aus ihnen dann den «neuen Menschen» formt.

Bei allen Unterschieden zwischen dem Kontrollfreak Xi Jinping und dem ewigen Rebellen Mao, der das Chaos liebte, wenn es seiner Macht diente: Hier treffen sich die beiden in ihrem Menschenbild. Auch Xi Jinping hat den Untertanen die «Vereinheitlichung des Denkens» verordnet, auch........

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