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Film | Weites, enges Brasilien

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29.08.2021

Als der deutsche Medienwissenschaftler Martin Schlesinger 2005 ein Auslandssemester in der brasilianischen Metropole Belo Horizonte absolviert, ist es zunächst nur ein irritierendes Gefühl: Es ist so eng hier. Die Zimmer sind manchmal kaum größer als ein Doppelbett. Auch in Städten wie São Paulo oder Rio de Janeiro, in die ihn mehrere Forschungsreisen in den kommenden Jahren führen werden, spürt er diese Enge. Dabei ist Brasilien 23,8 Mal so groß wie Deutschland, eigentlich genügend Platz für 211 Millionen Einwohner. Jedoch leben circa 86 Prozent von ihnen in Städten, hinzu kommt die Ungleichheit, die sich unter dem rechtsradikalen Präsidenten Bolsonaro noch weiter verschärft haben dürfte.

Schlesinger sieht seinen persönlichen Eindruck bald gespiegelt im brasilianischen Kino, das er seit 15 Jahren erforscht und dem er jetzt die beeindruckende Studie Bilder der Enge. Geschlossene Gesellschaften und Räume des brasilianischen Films gewidmet hat. Während viele Wissenschaftler Wert darauf legen, die eigene Subjektivität verschwinden zu lassen, sagt Schlesinger immer wieder „ich“, nicht um zu relativieren, sondern um den Leser teilhaben zu lassen am Prozess des Sehens, Erkennens und Theoretisierens. Jener beginnt zunächst in Europa, wenn der Begriff der Enge in einen Dialog mit Filmtheorien von Gilles Deleuze oder André Bazin gebracht wird.

Mit diesem Rüstzeug im Gepäck reisen wir nach Brasilien, das seit Ende der 1950er-Jahre unter Cineasten international bekannte Namen wie Glauber Rocha oder Arnaldo Jabor hervorbrachte, wenngleich........

© der Freitag


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