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Zeitzeugin | Wir Kinder der Freiheit

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25.08.2021

Zeitzeug:innen sind unzuverlässige Kombattant:innen, das weiß jeder und jede, der oder die einmal Oral History betrieben hat. Aus der Zeitgenossenschaft allein lassen sich keine gültigen historischen Aussagen ableiten, das gilt auch für die eigene Erinnerung. Deshalb kann auch ich nicht mehr den Zeitpunkt bestimmen, ab dem sich das „linke“ Projekt, dem ich mich seit den 1970er Jahren verschrieben hatte, zu unzähligen alternativen „Projekten“ verflüssigte, die nicht mehr auf revolutionären Umbruch fokussiert waren, sondern auf eine niedrigschwellige kulturrevolutionäre „Gesinnungsgemeinschaft“ abzielten, wie es der Historiker Sven Reichardt einmal diagnostizierte.

Waren es die massenhaften toten Fische auf dem Rhein, die vorführten, dass womöglich auch eine sozialistische Gesellschaft einen räuberischen Umgang mit der Natur pflegen würde? War es das tief empfundene Unbehagen gegenüber den Männlichkeitsritualen der 68er, die viele Frauen das Weite und in zunächst abgeschotteten Grüppchen nach sich selbst suchen ließen? War es der Abscheu gegenüber den Familienstrukturen der Nachkriegsgesellschaft, die alles, was nicht in das Ein-Ernährer-Modell der Kleinfamilie passte, als unerwünschte Abweichung diffamierten, obwohl oder gerade weil der Krieg so viel Unvollständiges hervorgebracht hatte? Oder aber der unbedingte Wille, sich den als entfremdet erlebten Lebens- wie Arbeitsstrukturen der Eltern zu entziehen und im gemeinsam verantworteten Betrieb, Laden oder in der Kommune auszuloten, wie viel Nähe subjektiv aushaltbar, wie hoch die eigene Frustrationstoleranz ist?

Sicher scheint mir, dass es gerade die behauptete angebliche „Alternativlosigkeit“ des kapitalistisch verfassten „Modells Deutschland“ einerseits – nur davon kann ich reden – und der gegen den Westen gerichtete Sozialismus andererseits waren, die nach etwas anderem geradezu schrien. Die Bewegungsforscher Joachim Hirsch und Roland Roth haben die Gründung der Grünen, die Selbstauflösung der Kadergruppe KPD und die Kanzlerkandidatur von Franz Josef Strauß 1980 als politische Wegmarken festgemacht, die diesen........

© der Freitag


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