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Museum | Schubladen öffnen

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04.07.2021

Vom großen, wegen der Papierexponate leicht verdunkelten Panoramafenster blickt man auf die Gedenkstätte Topografie des Terrors. Nicht weit entfernt das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas. Und an der Straßenkreuzung, direkt am Berliner Anhalter Bahnhof, entsteht das neue Exilmuseum, das an die mindestens 500.000 Menschen erinnern soll, die ab 1933 Deutschland verlassen mussten, Schriftsteller:innen wie Bertolt Brecht, Klaus Mann oder Mascha Kaléko, der Regisseur Billy Wilder, die Philosophin Hannah Arendt oder die spätere Frauenforscherin in den USA, Gerda Lerner. Eine derzeit neben der Rumpfruine des Bahnhofs residierende Freiluft-Ausstellung – große, in ehemaligen Wohncontainern untergebrachte Plakatwände, die aus den Seitenteilen der Notunterkünfte bestehen und mit Zitaten der ehemaligen Exilant:innen bespielt werden – gibt einen Vorgeschmack auf das Museum, das der Gründer des Kunstauktionshauses Grisebach, Bernd Schultz, angestoßen und durch einen Privatverkauf vorfinanziert hatte.

Im Zentrum dieses aufwühlenden Gedenkdreiecks ist nun der lange geforderte, hochumstrittene und von vielfachen politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und personellen Wechseln begleitete Erinnerungsort der deutschen Vertriebenen, das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung (FVV), das vergangene Woche seine gespannt erwartete Dauerausstellung eröffnete.

Schon die Tatsache, dass es für das Exilmuseum gegenüber einer Initiative und Geldmittel von Privatleuten bedurfte, das Dokumentationszentrum dagegen auf die gleichnamige, 2005 vom Bundestag eingerichtete Stiftung zurückgeht, signalisiert das unterschiedliche politische Gewicht der beiden Projekte. Die ehemalige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, spielt nach ihren provozierenden Auftritten gegenüber Polen und ihrem Abdriften in Richtung AfD in der Stiftung selbst zwar keine Rolle mehr und war nicht einmal zum Festakt eingeladen. Am Ende hat sie sich mit ihrem gemeinsam mit dem verstorbenen SPD-Mann Peter Glotz ausgeheckten Plan, auch das Schicksal der deutschen Vertriebenen in der deutschen Erinnerungskultur zu platzieren, durchgesetzt: „Der geschichtlichen Wahrheit müssen wir uns stellen“, zitierte Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (CDU) den ehemaligen Innenminister Otto Schily zum Festauftakt.

Das 1926 im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaute, bis auf die Straßenfassade nun völlig ausgekernte Deutschlandhaus, das unter anderem das NS-Reichsarbeitsministerium beherbergt hat, ist mit seinen 5.000 Quadratmetern schon architektonisch eine Manifestation.

Wem diese Manifestation gelten sollte und mit welchen Argumenten, darüber ließe sich im minimalistisch gehaltenen „Raum der Stille“ nachdenken, den das Zentrum im Erdgeschoss für kontemplativ........

© der Freitag


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