Lexikon | Schweiß, Schuld und Selbstoptimierung: Die Kultur der Fitness-Studios |
Ablass Es gibt ja Erhebungen zu allen möglichen vorstellbaren und nicht vorstellbaren Phänomenen. Eine Studie über die Anzahl von Leuten, die einen Vertrag bei einem Fitness-Studio haben, seit Jahren zahlen und dennoch nicht hingehen, kenne ich allerdings nicht. Auch weiß ich nicht, wie sich das Verhältnis von aktiven zu passiven Sportlern verhält. Es ist sicher im Sinne der Studios, so eine Erhebung nie Wirklichkeit werden zu lassen. Es würde einen Sturm der Entrüstung entfachen, ein Aufschrei ginge durch die westliche Welt: Ja, Fitness-Studios sind eine postmoderne Form des Ablasshandels. Man zahlt für das gute Gewissen, man zahlt, um vor sich selbst und den nächsten Verwandten sagen zu können, man könnte ja, wenn man wollte, und so weiter. Es ist übertrieben, zu sagen, dass ich besser schlafen kann, weil ich diese Zahlungen seit Jahren leiste, ohne hinzugehen. Denn diese Summe, oh Gott, ist natürlich gewaltig. Jana Hensel
Disco-Pumper Er trainiert nur für seine Disco-Muskeln. Als diese bezeichnet man nicht Muskeln, die bei strapaziösen Tanzeinlagen gebraucht werden, sondern jene, die in der Disco gut zu sehen sind: Brust, Bauch und vor allem die Arme. Die Beine kann man vernachlässigen.
Die Körperstatur eines klassischen Disco-Pumpers verschmälert sich in den meisten Fällen nach unten hin. Was oben mit einem raumeinnehmenden Torso beginnt, endet unten auf dünnen Stelzen. Was der Disco-Pumper aber vergisst: Das Training der Beinmuskulatur ist sehr nützlich, da dabei Wachstumshormone ausgeschüttet werden, die den Muskelaufbau im ganzen Körper fördern. Der besonders zielorientierte Disco-Pumper-Experte pumpt seine Muskeln übrigens durch Liegestütze, Hanteln oder andere körperliche Ertüchtigungen noch kurz auf dem Parkplatz auf, bevor er die Disco betritt. Felix-Emeric Tota
Geschichte Bertolt Brecht, der bekanntlich begeistert den Großveranstaltungen im Berliner Sportpalast beiwohnte, schrieb über die Weber, sie hätten mittels Leibesübungen den Missbildungen ihres rechten Arms begegnen wollen: „Diese Arbeit, die ihr macht, um die Folgen der Arbeit zu beseitigen“, resümierte er, „wird natürlich nicht bezahlt und ist auch ganz unproduktiv.“ Brechts Vorschlag, lieber „Freiübungen mit Gewehren“ zu machen, wirkt heute etwas befremdlich. Unleugbar ist der Sport als Freizeitphänomen aber ein Produkt der Industriearbeit. Und mit der Dienstleistungsgesellschaft haben sich die Sportgewohnheiten verändert.
Trabte man in den siebziger Jahren im Rahmen der Trimm-dich-Bewegung noch kollektiv durch den Wald, zogen die Mädels in den Achtzigern in die Aerobic-Studios, wo sie zwar noch zusammen die Hüften schwangen, sich aber schon sehr........© der Freitag