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Interview | „Mir gefällt das Dreckige“

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25.09.2021

Anfang der Nullerjahre war Jan Speckenbach an der Volksbühne beim Entstehen von Frank Castorfs Videotheater dabei. Mit René Pollesch als neuem Intendanten schließt sich für ihn nun ein Kreis: Bei Polleschs Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer ist er für die Livekamera verantwortlich. Die Frage: „Video im Theater, was soll das?“ begleitet seine Arbeit von Anfang an.

der Freitag: Herr Speckenbach, Video im Theater, das konnte man nicht studieren, wenn es noch gar nicht richtig erfunden war. Was haben Sie studiert?

Jan Speckenbach: Ich habe in Karlsruhe an der neu gegründeten Hochschule für Gestaltung studiert, im ersten Jahrgang 1992. Sie orientierte sich an der Ulmer Hochschule für Gestaltung, die wiederum auf die Tradition der Bauhaus-Schule zurückging. Gleichzeitig gab es in Karlsruhe das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) mit Berührungspunkten. Theorie und Praxis mussten grundsätzlich verbunden sein. Ich studierte im Hauptfach Kunstwissenschaft und Philosophie und dazu Film. Die theoretischen Fächer waren mit hochkarätigen Leuten besetzt: Kunstwissenschaft mit Hans Belting, Philosophie mit Peter Sloterdijk und später auch Boris Groys. Für uns Gründungsstudenten galt: Intertextualität war ein Grundwert.

Könnte man diesen Ansatz mit dem des zehn Jahre zuvor in Gießen gegründeten Instituts für angewandte Theaterwissenschaften vergleichen?

Das kann man für die Anfänge in Karlsruhe bestimmt so sehen. Gießen hat aber vermutlich eine stärkere Wirkung auf die Praxis gehabt. Ich wollte Filmemacher werden, aber meine ganze Liebe fürs Kino kam tatsächlich über die Theorie. Ich kannte sehr viele Filme nur über Sekundärliteratur – und habe sie erst später systematisch nachgeholt. Der Fokus der Ausbildung war für mich auf die Medienkunst gerichtet, während Theater eher so altbackener Kunstkram war. Ich ging dann für zwei Jahre nach Frankreich zum Studium der Filmgeschichte und als ich wiederkam, hatte sich nicht nur die Studentenschaft verändert, sondern auch das ganze Klima an der Schule – und vielleicht sogar im ganzen Land. Nun wurde zum Markt hin studiert.

Wie sind Sie dann Jahre später an der Volksbühne gelandet?

Ich sah dort Frank Castorfs Inszenierung von Elementarteilchen. Ich wusste nicht viel über dieses Theater und Castorf, eigentlich nur, dass beide irgendwie berühmt waren. Dass ich nicht mal wusste, wie alt Castorf war und was er schon alles gemacht hatte, erlaubte mir einen völlig naiven Zugriff. Ich war fasziniert davon, wie das gearbeitet war, von der Musikalität, wie das montiert und geschnitten war, was mich ganz stark an Film erinnerte, so was kannte ich vom Theater gar nicht. An dem Abend kam noch dazu, dass Martin Wuttke ausrutschte und sich auf die Unterlippe biss. Er spielte seinen langen Schlussmonolog weiter, obwohl ihm das Blut in gerader Spur aus dem Mund in den Ausschnitt lief, wobei etliche Leute im Publikum nicht erkannten, was hier Fiktion und was Realität war. Am nächsten Tag habe ich einen Brief an Castorf geschickt, im PS fragte ich, ob ich mal hospitieren könnte, denn da würde ich vielleicht mehr lernen als bei irgendwelchen Filmdrehs in Deutschland. So landete ich zunächst bei Herbert Fritsch, der gerade mit Hamlet X anfing, einer multimedialen Aufarbeitung von Hamlet, machte dafür Aufnahmeleitung, Schnitt und sogar die Textfassung der 111 Fragmente. Nach drei Monaten kam das Angebot, bei Castorfs Erniedrigte und Beleidigte das Video zu machen in dem Bungalow-Container von Bert Neumann.

Castorfs „Endstation Amerika“ und „Dämonen“ stellten gewissermaßen Vorstufen der dann folgenden Entwicklung dar.

In Endstation gab es eine Livekamera auf Stativ im Badezimmer, das für die Zuschauer nicht einsehbar war, die Bilder liefen auf einem Fernseher. Bei Dämonen hatte es nur einen Fernseher gegeben, auf dem Filme liefen, die eher als........

© der Freitag


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