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Klimarettung | Die Wahl unseres Lebens

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24.09.2021

Das Handy vibriert, eine Nachricht aus Mosambik: „Geht es euch gut? Ich hoffe, ihr seid in Sicherheit.“ Antonia Teixeira Chikono macht sich Sorgen, sie hat aus den Nachrichten erfahren, dass in Deutschland viele Menschen in den Überschwemmungen umgekommen sind. Auch wir sitzen fassungslos vor dem Newsticker. In Ahrweiler schwimmen Autos an Häusern vorbei, als wären sie Spielzeug. Der Regen lässt nicht nach, tagelang suchen Einsatzkräfte nach Vermissten, einige Ortsteile sind nicht mal per Boot erreichbar. Wir können nicht glauben, dass sich diese Tragödie in Deutschland abspielt.

Das war rund zehn Wochen vor der Bundestagswahl. Inzwischen scheinen die Fluten fast wieder vergessen. Und das macht uns Angst, denn die Bundesregierung, die diese Woche gewählt wird, ist voraussichtlich die letzte, die noch verhindern kann, dass das Klima kollabiert.

Im Hitzesommer 2019 wollten wir wissen, wie schlimm es wirklich um unser Klima steht. Wir sind aufgebrochen, um mit den Menschen zu sprechen, für die die Krise schon lange Realität ist, quer durch alle Klimazonen. Wir kommen mit schlechten Nachrichten zurück. Überall auf der Welt ist zu sehen, wie dramatisch die Folgen schon bei 1,1 Grad Erwärmung im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten sind, die derzeit bereits gemessen werden.

Antonia Teixeira Chikono haben wir an der mosambikanischen Küste getroffen – ein Jahr nachdem der Zyklon Idai im März 2019 weite Teile des Landes mit Wassermassen überrollte. Die siebenfache Mutter erinnert sich noch gut an die Nacht des Sturms, der gegen Mitternacht mit Windgeschwindigkeiten von 165 Stundenkilometern auf Land traf. Idai war einer der verheerendsten Wirbelstürme, die jemals auf der südlichen Halbkugel wüteten. Über 1.000 Menschen verloren ihr Leben, Hunderttausende ihre Lebensgrundlage: Die Überschwemmungen zerstörten die Felder, genau vor der Ernte.

Bei unserem Besuch in Mosambik schien die Klimakrise für uns Deutsche noch weit entfernt. Jetzt, wo schlammige Fluten Häuser einstürzen lassen und Menschen in den Tod reißen, wo Urlaubsbilder vor einem Flammeninferno die neue Realität auf Instagram sind, dämmert es langsam allen: Es ist nicht das Wetter, das verrücktspielt. So sieht die Welt aus bei gerade einmal 1,1 Grad Celsius Temperaturanstieg. Niemand ist mehr sicher.

Dennoch ist die Diskussion in Deutschland von Angst vor Verzicht geprägt: Wird mir bald das Schnitzel verboten? Darf man jetzt eigentlich noch nach Thailand fliegen? Dabei gerät aus dem Blick, was es bedeutet, auf Klimaschutz zu verzichten. Jede Tonne CO₂, die wir emittieren, hält sich für Hunderte Jahre in der Atmosphäre und heizt die Erde auf. Nie in der Geschichte des Planeten war die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre höher als heute.

Klimawissenschaftler sind sich einig: Es kommen jetzt große Veränderungen auf die Menschheit zu, die nächsten zehn Jahre werden entscheidend sein. 2021 haben wir noch die Wahl, ob wir selbst das gesellschaftliche Leben transformieren oder ob die Klimakrise unser Leben gravierend verändert.

Im Jahr 2009 entwickelte ein internationales Team von Forschern erstmals das Modell von Planetary Boundaries, Belastungsgrenzen der Erde. Sie zeigten, dass die Stabilität des Erdsystems von neun Bereichen bestimmt wird (siehe Grafik). Es sind die Wechselwirkungen zwischen Land, Ozeanen, Atmosphäre und Lebewesen, die unser Leben auf dem Planeten ausmachen.

Vier der neun kritischen Grenzen sind bereits überschritten: Im Hinblick auf Klimakrise, Landnutzung und die Kreisläufe von Phosphor und Stickstoff haben wir den sicheren Handlungsraum längst verlassen, die Vielfalt von Pflanzen und Tieren ist sogar im hohen Risikobereich. Das Diagramm der Forscher zeigt: Es ist bei weitem nicht nur das Klima, das kollabiert. Kipppunkte im Klimasystem und der Verlust von Biodiversität haben allerdings die gravierendsten Folgen für unseren Alltag – und das Überleben der Menschheit. Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Nach den Verboten von Kühlschränken mit Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) hat sich das Ozonloch in der Erdatmosphäre langsam wieder geschlossen.

Vor sechs Jahren haben sich die Staats- und Regierungschefs in Paris dazu verpflichtet, die globale Erwärmung auf „deutlich unter........

© der Freitag


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