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Porträt | Lied vom Scheitern

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22.09.2021

Er will seinen Abschied nicht feiern, sagt er, weil es nichts zu feiern gibt. In den ganzen acht Jahren seiner Arbeit als Bundestagsabgeordneter hat Martin Patzelt nichts gefeiert. Nicht seinen Sieg gegen AfD-Chef Alexander Gauland 2017 im Wahlkreis Oder-Spree. Nicht das Migrationspaket 2019, das er als Berichterstatter für minderjährige Geflüchtete mitentschieden hat. Während ein Geflüchteter bei ihm wohnte.

Martin Patzelt ist froh darüber, den Bundestag endlich verlassen zu können. Er trägt heute seinen schönsten Anzug. Tagesordnungspunkt 42a wird aufgerufen, Thema Menschenrechte. Sieben Abgeordnete sprechen vor ihm – wie so oft bekommt er nur das Schlusswort. Für seine letzte Rede hat er vier Minuten Zeit. Er könnte sie dazu nutzen, auf Erfolge zurückzublicken, so wie es die meisten tun. Stattdessen stellt Patzelt sich ans Rednerpult und sagt: „Ich danke meinen Wählerinnen und Wählern, die akzeptieren mussten, dass ich oft nicht ihrer Meinung war.“

Er wirkt aufgeregt und stottert. Nach dem Applaus verlässt er eilig das Plenum, geht an der CDU-Fraktion vorbei, wo ihm Philipp Amthor herzhaft lachend zunickt. Auf Whatsapp schreibt er später: „Wie so oft war ich der Unbedeutendste der Reihe, empfand ich zumeist.“

Patzelt hat sich eingesetzt, acht Jahre lang. Er hat gekämpft. Für christliche Werte wie Nächstenliebe und Gastfreundschaft, für die Demokratie. Er wollte Geflüchtete besser integrieren, die CDU als Volkspartei stärken, seinen Wahlkreis vor der AfD retten. Seit Angela Merkel am 31. August 2015 ihren berühmten Satz sagte, hatte Martin Patzelt ein politisches Mantra: Wir schaffen das.

Aber Martin Patzelt hat es nicht geschafft. Er ist einer von 126 Abgeordneten, die 2021 ihre politische Karriere beenden und nun Bilanz ziehen müssen. Einige von ihnen werden jetzt in Statistiken zu sozialen Entwicklungen der vergangenen Jahre schauen, sie verfolgen vielleicht die aktuellen Umfragewerte oder betrachten mit Sorge die Dynamiken am rechten Rand.

Wenn Patzelt Bilanz zieht, muss er sich in seinem Wahlkreis in Ostbrandenburg umschauen. Er muss durch sein Heimatdorf Briesen gehen, wo die AfD zuletzt auf rund 30 Prozent kam und er mit seiner Frau, seinem Sohn und dem Geflüchteten Haben Legese zusammenwohnt. Dort sieht er jeden Tag, was er während seiner Zeit im Bundestag alles nicht geschafft hat. Woran ist er gescheitert?

Martin Patzelt wollte nie Abgeordneter werden. Von 2002 bis 2010 war er Bürgermeister der Stadt Frankfurt (Oder), später Vorsitzender der Frankfurter Lebenshilfe, engagierte sich im Eine-Welt-Laden, arbeitete als ehrenamtlicher Richter am Bundessozialgericht und leitete Gottesdienste in Dörfern. Gerade plante er eine sechsmonatige Reise nach Israel, als ihn 2012 der CDU-Kreisverband fragte, ob er für den Bundestag kandidieren will. Erst wollte er nicht, dann machte er es doch.

Foto: Jan A. Staiger

Er wird gewählt mit rund 34 Prozent. Patzelt ist Sozialarbeiter, kein Machtmensch. Er erklärt viel, hört viel zu und lächelt sein verschmitztes Lächeln. In seinem Wahlkreis, in dem viele wenig mit Politik und Politikern anfangen können, kommt das gut an. Dort nennen sie ihn den „letzten Christen in der CDU“.

Er nimmt seine Arbeit als Abgeordneter mit viel Idealismus auf. Er will anderen helfen, sich um die Schwachen kümmern. Also geht er in den Familienausschuss und in den für Menschenrechte. Doch im Bundestag geht es nicht ums Kümmern. Wer etwas durchsetzen will, muss Strippen ziehen und Verbündete suchen. Patzelt schafft es selten, in der CDU-Fraktion genug Unterstützung für seine Ziele zu finden.

Im Sommer 2015, als jeden Monat Zehntausende nach Deutschland flüchten, nimmt Martin Patzelt zwei junge Männer aus Eritrea bei sich zuhause auf. Sie heißen Haben Legese und Awet Tekie. Patzelt kommt aus einer Familie, die 1945 aus Ostpommern vertrieben wurde. Er möchte Legese und Tekie nun die gleiche Barmherzigkeit erweisen, die seine Familie damals in Brandenburg erfuhr.

Martin Patzelt überlässt Legese und Tekie das Obergeschoss seines zitronengelben Hauses, wo vor ihnen schon zwei bedrohte Frauen mit Kindern, eine Studentin aus Ghana und ein ukrainischer Praktikant wohnten. Er verschafft ihnen eine Deutschlehrerin und Arbeit. Einmal nimmt er sie sogar mit in den Bundestag.

Die Patzelts wohnen in Briesen, einem Ein-Straßen-Dorf mit rund 3.000 Einwohnern. Dort gibt es eine Bahnstation und einen Edeka. An die Häuserwände sind Anarchiezeichen gemalt, DDR- und Deutschlandflaggen wehen in den Gärten. Die Menschen in Briesen........

© der Freitag


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