Im Gespräch | Leïla Slimani: „Keine Frau sagt: Früher war es besser. Nostalgie ist Luxus weißer Männer“ |
Sie zählt zu den gefeiertsten Stimmen der gegenwärtigen Literatur – und zu den politischsten. Leïla Slimani wurde 1981 in Rabat geboren, wuchs in Marokko auf und studierte an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po.
Regelmäßig hält Slimani den vermeintlich modernen Gesellschaften Europas den Spiegel vor und legt Klassismus, Rassismus und Frauenverachtung offen. Nach acht Jahren hat die französisch-marokkanische Autorin ihr Romanprojekt Das Land der Anderen abgeschlossen, in dem sie ihre Familiengeschichte verarbeitete: drei Generationen von Frauen zwischen Marokko und Frankreich und ihr Kampf um Freiheit und Zugehörigkeit.
Im letzten Band, Trag das Feuer weiter, taucht sie selbst als Romanfigur auf und erzählt von Mehdi, dem Vater ihres fiktionalen Ichs. Er wird im Widerstreit zwischen Tradition und Fortschritt zerrieben, seiner Tochter jedoch wünscht er Unabhängigkeit. Eine bewusste Entstigmatisierung des arabischen Mannes und ein Bekenntnis zum Feminismus.
der Freitag: Frau Slimani, „Tragt das Feuer weiter“ ist der letzte Band Ihrer Trilogie über die Familie Belhaj. Ist das das Ende?
Leïla Slimani: Für den Moment ja. Ich habe einen Abschluss gefunden – für diese Familie, für diese Phase meines Schreibens. Aber Literatur bleibt lebendig. Vielleicht vermisse ich in zehn oder 15 Jahren eine Figur so sehr, dass ich zurückkehre.
In den ersten beiden Teilen hatte ich eine klare Lieblingsprotagonistin, hier schwanke ich zwischen den Schwestern Mia und Inès. Ist das so gewollt?
Ich liebe es, wenn Leser:innen wählen. Manche sind „verliebt“ in Selma, die schon im ersten Band auftritt, andere bewundern Mehdi. Das Berührende ist: Sie sprechen über Figuren, als wären sie reale Menschen. Das ist für Autor:innen ein Geschenk.
Mia und Inès wirken wie zwei gegensätzliche Angebote dessen, was Weiblichkeit sein soll: Mia wählt Freiheit, indem sie versucht, das Männliche zu verkörpern. Ihre Schwester will zum Objekt männlicher Bewunderung werden.
Genau. Mia will frei sein – so sehr,........