Ole Nymoen: „Wehrpflicht heißt, im Ernstfall für den Staat zu sterben. Ich rate davon ab“

Als die Wehrpflicht 2011 ausgesetzt wurde, war er 13: Ole Nymoen hätte sonst zweifellos Zivildienst geleistet. Inzwischen sieht das Anfang Dezember von einer Mehrheit des Bundestages beschlossene neue Wehrpflichtgesetz eine verpflichtende Musterung junger Männer ab dem Geburtsjahr 2008 vor. Dies soll zunächst dazu dienen, die „Wehrdienstfähigkeit“ zu erfassen, während ein verpflichtender Militärdienst noch freiwillig bleibt.

Doch gerade erst, zu Weihnachten, hat Thomas Röwekamp (CDU), Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Deutschen Bundestag, erklärt, dass er mit einer Rückkehr zur Wehrpflicht noch in dieser Legislaturperiode und vor den nächsten Bundestagswahlen rechnet. Der Druck auf junge Menschen, in die Bundeswehr einzutreten, nimmt schon jetzt zu. Eine „Bedarfswehrpflicht“ wird als unumgänglich angesehen, um den Personalbestand der Bundeswehr bis 2035 auf 460.000 Soldaten aufzustocken.

Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde heißt Ole Nymoens Buch, das all denen nicht gefallen dürfte, die über eine kriegstüchtige junge Generation verfügen wollen. Teilweise heftig angefeindet, lässt sich der Verfasser – 2019 Praktikant und seither Autor des Freitag – in seiner Argumentation nicht beirren.

der Freitag: Ole, als der Artikel erschien, auf dem dein Buch basiert, wünschte dir in den „Zeit-online“-Leserkommentaren jemand „Lagerhaft“. Ich habe aber den Eindruck, viele Menschen sind sehr froh, solch ein Plädoyer gegen Kriegstüchtigkeit in diesen Zeiten lesen zu können.

Ole Nymoen: Wenn man sich auf Twitter umsieht, wundert man sich, dass ich überhaupt noch lebe. Doch im echten Leben sieht es tatsächlich anders aus. Ich war neulich in Sarah Bosettis Late-Night-Show. Das Publikum dort war furchtbar entsetzt von mir, die waren so sauer, das kann man sich nicht vorstellen. Es klingt jetzt wie eine Geschichte aus dem Paulaner-Garten, aber danach kam ich raus, ein Techniker nahm mir das Mikro ab und sagte, er habe das Buch schon gelesen und fand es super. Als ich zwei weitere Kolleginnen im Hintergrund fragte, ob sie für die Meinungsfreiheit sterben würden, haben die sich totgelacht. Im Kontakt mit normalen Leuten, die nicht linksliberal sind, ist meine Haltung also wohl salonfähig. Das sieht man auch in aktuellen Umfragen: 60 Prozent der Bundesbürger sind nicht bereit, für Deutschland mit der Waffe in den Krieg zu ziehen.

Jeder Vierte, der zur Bundeswehr geht, verlässt sie nach maximal sechs Monaten wieder. Wie wehrwillig ist das Land tatsächlich?

Ich weiß nicht, wie hoch diese Quote im Verhältnis zu anderen Ausbildungsberufen ist. In meinem Ausbildungsjahrgang haben auch einige abgebrochen, weil sie sich totgerackert haben. Eine Mehrheit der Bevölkerung ist zwar für die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Aber sobald gefragt wird, ob jemand selbst kämpfen würde, antworten nur fünf Prozent mit Ja. So kriegstüchtig scheint man hier noch nicht zu sein.

Aus deinem Buch spricht kein pragmatischer, sondern ein fundamentaler Pazifismus. Du übst nicht nur........

© der Freitag