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Biografie | „Ich weiß es nicht“

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03.10.2021

Monatelang, nein, über Jahre hatte die junge Frau befürchtet, dass Richard für immer verschwinden würde – in den Kellern der Gestapo oder in die Emigration. 1939 wuchs die Sorge, dass er Suizid begehen könnte. Sie hatte ihn nicht dazu bewegen können, das acht Wochen alte Kind zusammen auszufahren. Dabei hatten sie es trotz oder gerade wegen zunehmender Aussichtslosigkeit zur Befestigung des gemeinsamen Überlebenswillens gezeugt. Nun aber konnte auch das Kind ihn nicht aus der Depression reißen. Dass es Ricarda hieß – die weibliche Form von Richard –, spiegelte schon die Ahnung, dass es Richard mal würde ersetzen müssen.

Weil Kinder täglich an die Luft sollen, lief Änne allein mit dem Kinderwagen eine ängstliche kleine Weile über den Ku’damm. Als sie zurückkam, fand sie die Wohnungstür offen und sah Richards Füße über der Badewanne baumeln.

Von dem Schock kann sie sich lange nicht erholen, kommt in die Psychiatrie. Und kaum kehrt sie in ihren Schwesternberuf zurück, ereilt sie, was die Nazis den Gefährdern der „Volksgesundheit“ aufzwangen. Sterilisiert wurde Änne nicht nur wegen ihrer psychischen Fragilität, sondern auch wegen ihrer Verbindung zum kommunistischen Stadtrat Dr. Richard Schmincke.

Nach dem Krieg fehlte vielen Kindern der Vater. Da war Ricarda keine große Ausnahme. Aber ihr Vater war weder gefallen noch von den Nazis umgebracht worden. Warum er sich selbst den Tod gegeben, Änne und sie, das Neugeborene, verlassen hatte, blieb eine der bohrenden Fragen. Einiges aus Richards Nachlass passte nicht recht in die bescheidene Bleibe der Großeltern im thüringischen Rudolstadt, wo Änne mit dem Kind unterkam: ein paar elegante Möbel, Silberbesteck, zwei Koffer mit fremdländischen Aufklebern. Einer voller Mitbringsel aus China, die das Mädchen bezauberten.

Erst posthum erfuhr der Sozialmediziner Schmincke öffentliche Anerkennung. Wenn in der DDR eine neue Etappe des Kinder- und Mütterschutzes erreicht wurde oder 1968 die „Antibabypille“........

© der Freitag


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