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Fußball | Spielfeld der starken Männer

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11.06.2021

Ilham Alijew sieht sich als Meister der Inszenierung. Vor Kurzem besuchte der Präsident Aserbaidschans in der Hauptstadt Baku ein neues Museum, das den Konflikt mit dem Nachbarn Armenien als eine Reihe blutiger Schlachten darstellt. Fotos zeigen Alijew bei der Besichtigung von armenischen Panzern und Waffen. In Uniform posiert er mit ernst wirkendem Gesichtsausdruck zwischen aufgereihten Helmen gefallener Soldaten. Für die Darstellung armenischer Gefangener nutzt die Ausstellung Wachsfiguren mit übergroßen Nasen und vollen Bärten.

In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt Aserbaidschan auf Platz 167 von 180. Nach Einschätzung von Amnesty müssen Oppositionelle und Menschenrechtsanwälte mit Inhaftierung und Folter rechnen. Aserbaidschans Staatschef Alijew ist in Regierungssitzen westlicher Demokratien nicht willkommen. Trotzdem erhält er eine Werbeplattform für seine Öl- und Gasvorkommen. Vor allem im Sport.

Am 11. Juni beginnt die Fußball-Europameisterschaft. Der verantwortliche Verband Uefa feiert das Turnier als Symbol für Vielfalt und Zusammenhalt. Zum ersten Mal sind nicht ein oder zwei Länder als Gastgeber vorgesehen. Die 51 Spiele finden in elf Städten statt, quer über den Kontinent verteilt, die Eröffnung in Rom, das Finale in London. Auch München, Kopenhagen oder Amsterdam sind dabei. Und eben auch: Baku. Vier Spiele sollen in der aserbaidschanischen Hauptstadt stattfinden, darunter ein Viertelfinale. Das wichtigste Turnier Europas: ein Herrschaftsinstrument von Autokraten.

Noch im Herbst des vergangenen Jahres war an Fußball in der Region nicht zu denken. Wieder einmal kämpften Aserbaidschan und Armenien mit Waffengewalt um die Region Bergkarabach. Mehrere Tausend Menschen kamen dabei ums Leben. Fußball diente auf beiden Seiten der Propaganda. In Baku hisste der Verein Zira ein Banner für Ilgar Burcaliyev, der frühere Jugendspieler war als Soldat bei Gefechten getötet worden. Die Tribünen wurden mit aserbaidschanischen Flaggen überspannt. Mannschaften trugen Trikots mit der Aufschrift: „Karabach ist Aserbaidschan“. Spieler salutierten vor Kameras und verbreiteten Militärvideos in sozialen Medien. „Wir müssen alle Armenier töten“, schrieb der Pressesprecher des aserbaidschanischen Meisters Qarabağ auf Facebook.

Qarabağ ist in Aserbaidschan identitätsstiftend. Der Klub hat seine Wurzeln in Ağdam, der einst größten Stadt in Bergkarabach. Während des Zerfalls der Sowjetunion mündete der Konflikt um das Gebiet in einen Krieg. Armenien siegte und vertrieb fast alle Aserbaidschaner aus der Region. Ağdam wurde zerstört, die Fußballer von Qarabağ flohen nach Baku. Dort erhielten sie politische und finanzielle Unterstützung. Die Folge: zuletzt sieben Meistertitel hintereinander und etliche Teilnahmen an europäischen Wettbewerben. Mit vermeintlich unpolitischen Schlagzeilen wie diesen kann Ilham Alijew seine Macht inszenieren. Dabei........

© der Freitag


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