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Protest | Mit Schild und Schirm

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23.05.2020

Vielleicht gehört es zu einem Leben wie dem von Greta Thunberg dazu, dass irgendwann der Tag kommt, an dem man weiß: Jetzt ist es genug. Jetzt reicht es. Jetzt muss sich etwas ändern. Jetzt. Für Greta ist dieser Tag der 20. August 2018. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. Sie hat ein weißes Schild gebastelt und gerade mal drei Worte darauf geschrieben: „Skolstrejk för klimatet“. „Schulstreik für das Klima“. Es ist dieser extrem heiße, dürre Sommer. Greta nimmt ihr Schild und stellt sich vor das schwedische Parlament in Stockholm, statt wie sonst zur Schule zu gehen. Es sind noch drei Wochen, bis am 9. September in Schweden gewählt wird. Bis dahin protestiert sie jeden Tag, danach einmal in der Woche – dies wird der Beginn der „Fridays for Future“. Denn es muss sich etwas ändern. Jetzt.

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In der Schule hatte Greta zum ersten Mal vom Klimawandel gehört. Da war sie acht Jahre alt. Sie erfuhr, dass das Verhalten der Menschen dazu führt, dass die Erde sich erwärmt, die Polkappen schmelzen und der Meeresspiegel steigt. Das war lebensgefährlich. Trotzdem unternahm niemand etwas dagegen, jedenfalls nicht so richtig.

Greta verstand das nicht. Sie begann, sich zu informieren. Sie las Artikel um Artikel, Buch um Buch, sie studierte Statistiken, schaute sich Filme an, recherchierte im Internet. Sie erfuhr, dass es Überschwemmungen geben würde, schwere Unwetter, unbändige Stürme, Waldbrände und Dürren. Es würde Hungersnöte geben. Irgendwann würde kein Mensch mehr auf der Erde leben können. Irgendwann war gar nicht mehr so weit weg. Diese Erkenntnis machte Greta depressiv. Sie fürchtete um die Zukunft des Planeten und um ihre eigene Zukunft. Greta stellte das Reden ein, verließ kaum noch das Haus und aß immer weniger.

In der Schule war sie schon immer die Außenseiterin, eine, die die anderen nicht verstehen und auch nicht richtig leiden konnten. Im Klassenzimmer saß sie allein in der letzten Reihe. Sie fühlte sich, als sei sie unsichtbar. Nun fingen ihre Mitschüler*innen an, sie regelrecht zu mobben. Greta wurde immer einsamer, es ging ihr zunehmend schlechter. Ihre Eltern, die Opernsängerin Malena Ernman und der Schauspieler Svante Thunberg, machten sich große Sorgen. Die beiden rannten mit ihr von Arzt zu Arzt, um endlich herauszufinden, was los war mit ihrer älteren Tochter. Die Diagnose lautete schließlich: Asperger Syndrom, eine Form des Autismus. Im Februar 2019 sagte Greta in einem Interview: „Ohne Asperger wäre das hier nicht möglich.“

Mit „Das hier“ meinte sie, dass sie nicht länger wegschaute, sich nicht länger vertrösten ließ. Mit „Das hier“ meinte sie, dass sie selbst aktiv wurde und sich durch nichts und niemanden davon abhalten ließ. Mit kleinen Schritten fing Greta an. Weil sie inzwischen wusste, wie schlecht es der Umwelt geht, und weil sie dieses Wissen nicht einfach ausknipsen konnte wie eine Lampe, schaltete sie zu Hause das Licht aus, wann immer es ging, um Strom zu sparen. Sie begann, sich vegan zu ernähren, ging nicht mehr sinnlos shoppen, sondern fragte sich genau, was sie brauchte. Greta tauschte sich mit Klimaforscher*innen aus und wurde selbst zur Expertin. Sie weigerte sich, ein Flugzeug zu benutzen. Sie brachte ihre Eltern und ihre jüngere Schwester dazu, sich ihrer nachhaltigen Lebensweise anzuschließen. Was sie im Kleinen, in ihrer Familie, geschafft hatte, wollte Greta auch im Großen verändern. Sonst, sagte sie, könne sie nachts nicht mehr schlafen. Darum stellte Greta sich Freitag für Freitag mit ihrem Schild vor das schwedische Parlament in Stockholm. Unerschütterlich. Ungerührt. So sah es zumindest aus. Ganz sicher war sie wild entschlossen:

„Da niemand sonst etwas tut, habe ich das Gefühl, das hier tun zu müssen.“

Es hatte etwas von Notwehr. So begann ihr Kampf gegen Klimaausbeutung und Ignoranz für eine Zukunft mit Zukunft. Erst stand Greta allein auf dem Platz im Herzen Stockholms, dann stellten sich andere Schüler*innen zu ihr und streikten mit. Mit ihrer Konsequenz und Kompromisslosigkeit inspirierte und aktivierte Greta eine ganze Generation weltweit. Ihre Generation. Wo auch immer Jugendliche nach der Initialzündung für ihre Proteste gefragt wurden, fiel Gretas Name. In Australien, Belgien, Deutschland, Kanada, der Schweiz, sogar in Ländern wie Polen und Russland, in denen Klimakrise und Umweltschutz in der Öffentlichkeit bislang kaum eine Rolle gespielt hatten, wurde Greta zur Symbolfigur der „Fridays for Future“-Bewegung. Inzwischen demonstrierten weltweit Millionen Menschen. Zugleich legte Greta sich mit den Mächtigen der Welt an. Die Erwachsenen, fand sie, haben versagt. Sie sind verantwortungslos und feige. Sie sind nicht vernünftig, sondern maßlos. Auch den Politiker*innen, auch denen, die an den Schalthebeln sitzen, geht es vor allem um die eigenen Vorteile, darum, ihren Luxus zu erhalten, ihren Reichtum zu vermehren, ihre Macht. Ganz egal, wohin das führt. Im Dezember 2018 reiste Greta zur 24. UN-Klimakonferenz nach Katowice in Polen. Sie sprach mit UN-Generalsekretär António........

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