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A–Z | Ohne Ticket

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25.07.2021

Antidiskriminierung In Hamburg sagt man Tschüss, auch die Duisburger Verkehrsbetriebe wollen den Begriff „Schwarzfahren“ nicht mehr verwenden. Dass die BVG in Berlin das Wort „verbannen“ will, wurde hingegen dementiert: Da gebe es nichts zu verbannen, man benutze es seit Jahren nicht mehr. Für ein Sommershitstürmchen reichte es dennoch. Peter Ramsauer (CSU) zu Bild: „Die haben doch alle einen Knall!“ Differenziertere Kritiker*innen verweisen auf die Etymologie: „Svarts“, das jiddische Wort für „Armut“. Hat mit Hautfarbe nichts zu tun.

Es könnte womöglich so einfach sein, wäre da nicht die Tatsache, dass es bei Personenkontrollen im öffentlichen Nahverkehr Tag für Tag zu rassistischer Diskriminierung kommt. Sähen Schwarze, überhaupt PoC, sich nicht viel zu oft zu Unrecht dem Verdacht ausgesetzt, „Leistungen zu erschleichen“ (Pepe Danquart). Diesen Beiklang wird das Wort nicht mehr los, das spricht dafür, es auszurangieren. Christine Käppeler

Budapest Anfang der 1990er reiste ich mit M. nach Budapest. Wir trugen schwarze „existenzialistische“ Rollkragenpullis und saßen so gern vielleicht im Lederfauteuil eines altehrwürdigen, eleganten Hotelfoyers. Existenzialistisch, jedoch kaum mondän: unsere Jugendherberge. Und dann wurden wir auch noch beim Fahren ohne Ticket erwischt. 4.000 Forint sollte das selbst eingebrockte Abenteuer kosten. Umgerechnet ein Vermögen. Die Zahl: episch und mit Inflation nicht rational zu erklären, uns verträumten Literaturstudentinnen sowieso nicht.

Ein bisschen durchtrieben waren wir ja aber auch, unsere Hoffnung: korrupte ➝ Kontrolleure. Als man uns also abführen wollte, versteckte M. ihr Geld noch schnell in der Gesäßtasche, steckte fiebrig meine Scheine dazu. Die Portemonnaies waren fast leer, fast existenzialistisch. Es funktionierte. Katharina Schmitz

Damenhandtasche Das korrekt gestempelte Ticket muss im Seitenfach sein. Oder steckt es im Portemonnaie? Die beiden Kontrolleure bewegen sich zielstrebig durch den Wagen. Gleich bin ich dran. „Es ist das Geheimnis der Damenhandtaschen“, sage ich, „irgendwo hat sich mein Fahrschein versteckt.“ Aber der vierschrötige Mann (er sieht eher nicht wie eine Amtsperson aus) lächelt nicht. „Nur mit der Ruhe“, entgegnet er, wie man es ihm beigebracht hat, und das Herz schlägt mir bis zum Hals. „Beim nächsten Halt steigen wir aus, da können Sie weitersuchen.“ Dabei bin ich in Eile.

Auf dem Bahnsteig steht zum Glück eine Bank. Auf dem engen Metallgitter schütte ich meine Tasche aus: ein Buch, ein Schreibblock, mehrere Kugelschreiber,........

© der Freitag


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