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A–Z | Literaturstreit

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31.07.2021

Abneigung Der Emigrant Thomas Mann bezog 1942 bei Los Angeles eine Villa mit 20 Zimmern. Der Emigrant Bertolt Brecht musste in gleicher Gegend mit einem deutlich bescheideneren Domizil vorliebnehmen. Umso mehr amüsierte ihn das großbürgerliche Repräsentationsgehabe des „Zauberers“, dem er in inniger Abneigung verbunden war. 1932 hatte Brecht in der Ballade von der Billigung der Welt einfließen lassen: „Der Dichter gibt uns seinen Zauberberg zu lesen / was er (für Geld) da spricht, ist gut gesprochen! / Was er (umsonst) verschweigt: die Wahrheit wär’s gewesen. Ich sag: Der Mann ist blind und nicht bestochen.“

Thomas Mann wiederum störten die betont plebejischen Attitüden Brechts, der sich revanchierte, wenn er in seinem Arbeitsjournal vom „Stehkragen“ schrieb. Auch empörte ihn die Hartherzigkeit, wie sie der Mann-Clan gegenüber Nelly Kröger, der als nicht standesgemäß empfundenen Frau Heinrich Manns („die Trulle“), walten ließ. Lutz Herden

Christa Wolf Die heftigen Reaktionen auf ihre Erzählung Was bleibt 1990 trafen sie ins Mark. Als Lieblingskind der Feuilletons im Westen hatte sie sich gefühlt, nun hatte der Wind sich gedreht. Vorbei mit dem Bonus für kritische DDR-Literatur (Hermlin). Im Gegenteil: Die Frage wurde laut, wie Schreibende in jenem Staat bleiben konnten, der nun durch den haarsträubenden Vergleich mit dem NS-Regime abgeurteilt war. Überall wurde mit scharfem Besen weggekehrt, was irgendwie an die DDR erinnerte. Christa Wolf hatte Monate zuvor noch den Appell „Für unser Land“ gegen den Beitritt zur BRD initiiert. Nicht nur im Osten haben sich damals viele mit der Autorin solidarisch gefühlt. Wie Denis Scheck jüngst im Fernsehen ihren feministischen Roman Kassandra vernichtete (Kanon), sollte eine Ermunterung zum Wiederlesen sein. Irmtraud Gutschke

Hermlin „Ich war nicht besser und nicht schlechter als die Bewegung, der ich angehörte …“, schreibt Stephan Hermlin in Abendlicht aus dem Jahr 1979. Das schmale Büchlein wurde seinerzeit als Autobiografie gelesen. Eine solche Vita hatte kein anderer Dichter vorzuweisen: Als Rudolf Leder 1915 in eine reiche jüdische Familie hineingeboren, fand er schon früh den Weg zur KPD, nahm am kommunistischen Widerstand gegen Hitler teil, kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg und war dann auch noch Mitglied der französischen Résistance. Irgendwann soll er auch ins KZ Sachsenhausen gekommen sein, wo sein Vater gestorben sei.

Dann im Oktober 1996 der Skandal! Der Literaturkritiker Karl Corino veröffentlichte in der „Zeit“ ein Dossier über die Lügen Hermlins, dem es offenbar nicht gereicht hatte, in der Nazizeit Jude,........

© der Freitag


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