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9/11 | Oma war dagegen

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11.09.2021

Als die Türme zusammenbrachen, schleppte ich Kartons vom Haus meiner Oma zum Umzugswagen. Das Altersheim wartete. Ich wusste nicht, ob ich wegen der vielen Toten oder wegen der tristen neuen Unterkunft meiner geliebten Oma weinte, als wir endlich fertig waren. Aber zum Trauern war ohnehin nicht viel Zeit. Zwei Tage später fuhr ich mit meinen Eltern von Traverse City, Michigan, nach Chicago, wo ich ins Studentenwohnheim zog. Auf dem Campus herrschte das Gefühl vor, dass der Sears Tower weit weg war. Vorsichtshalber mied man Downtown, bis sich alles wieder beruhigt hätte.

Niemand war ernsthaft gegen den Krieg in Afghanistan. Wir waren angegriffen worden. Der Gedanke, nichts zu tun, erschien so absurd, wie im Regen stehen zu bleiben und zu hoffen, dass man nicht nass wird. Wir gewöhnten uns an die neuen Sicherheitsmaßnahmen auf den Flughäfen, selbst wenn wir dabei spürten, dass ein Stück Menschenwürde verloren ging. The Department of Homeland Security hörte sich zwar an wie etwas aus Orwell oder Huxley. Aber man sprach von „interagency cooperation“ und „intelligence sharing“ – und verstand, was das hieß: Man hätte das alles verhindern können. Alle hatten Bescheid gewusst, doch niemand konnte es deuten. Das Wichtigste war, etwas zu tun.

Bei der Anmeldung an der Uni fragte mich ein Reporter des Chicago Tribune, wie das alles für die junge Generation so sei, und ich meinte, dass ich dagegen sei – gegen die bedrohlichen, immer schneller wachsenden Sicherheitsapparate, gegen die Annahme, es gäbe böse Menschen auf dieser Erde, die uns angegriffen haben, weil sie unsere Freiheit hassten. Vor allem war ich gegen Bush. Ich war gegen seine Politik, aber vor allem war ich gegen seine Dummheit, gegen seine Down-home-aw-shucks-I’m-just-a-cowboy-miss-Fassade. Ich fand seine Politik schlecht. Aber vor allem fand ich ihn peinlich, als hätte man einen Zwerg im Vorgarten Amerikas platziert.

Aber ich hatte, wenn ich ehrlich bin, Besseres zu tun. Politik war was für die anderen. Studentenproteste gehörten in die Vergangenheit. Die wenigen, die nach Washington fuhren, um gegen........

© der Freitag


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